Gastbeitrag – Freiberufliche Berater in Zeiten von Corona: Zufrieden, flexibel, hoffnungsvoll

Dr. Jan Schächtele hat gemeinsam mit Dr. Christoph Hardt im Jahr 2014 die Firma COMATCH gegründet. COMATCH ist einer der weltweit führenden Online-Marktplätze für freiberufliche Managementberater und Industrieexperten. Vor seiner Zeit bei COMATCH war Dr. Schächtele sechs Jahre bei McKinsey & Company, zuletzt als Junior-Projektleiter.

Mehr Geld, mehr Verantwortung, mehr Zufriedenheit: Berater, die ihre Festanstellung gegen die Selbständigkeit tauschen, haben mehrfach Grund zur Freude – so das Ergebnis unserer Beraterstudie von 2017. Nun haben wir gemeinsam mit Prof. Thierry Boudés von der ESCP Paris erneut nachgefragt und haben “Die DNA der freiberuflichen Berater” wieder ein Stück weiter entschlüsselt. Nach wie vor geben zwei von drei Beratern an, finanziell von der Freiberuflichkeit zu profitieren, doch viel mehr Befragte sind motiviert vom Wunsch nach “mehr Zeit” als nach “mehr Geld” – und kriegen sie auch. Dank 1.000 Antworten aus 55 Ländern konnten wir 2020 sogar international vergleichen. Deutsche streben massiv nach Selbstbestimmung, englische Berater wollen weniger berufsbedingt reisen und Franzosen erhoffen sich mehr Sinn. Insgesamt gilt: Egal, was ein Berater sich von der Selbständigkeit erhofft, sei es mehr remote work oder Selbstbestimmung, er oder sie erreicht es mit großer Wahrscheinlichkeit und umso eher, je etablierter Freiberuflichkeit in einem Markt ist. Frauen berichten besonders oft, dass sich ihre Erwartungen erfüllt haben und rufen beim Kunden dieselben Tagessätze ab wie Männer. Doch dann kam Corona. Kurz nach Abschluss unserer eigentlichen Befragung ging halb Europa in den Lockdown, so dass wir Mitte April einen zweite Umfrage durchführten. Was bedeutet die Pandemie für freiberufliche Berater? Verändert sich ihr Blick auf die Selbständigkeit?

Es zeigt sich: Kontakt- und Reisebeschränkungen führen zu weniger Projekten und Einnahmen. Dass ein laufendes Projekt verschoben wurde, gaben 27 Prozent an, 12 Prozent erlebten einen Projektabbruch. Für geplante Projekte war beides noch öfter der Fall (30 und 19 Prozent). Nur für jeden Fünften änderte sich gar nichts. Auch interessant: 15 Prozent der Befragten hatten zu dem Zeitpunkt weder ein Projekt am Laufen noch geplant, die übergroße Mehrheit des Netzwerks ist also üblicherweise ausgelastet. Daraus folgen natürlich finanzielle Verluste: Drei von vier Befragten erwarteten Einkommenseinbußen für die kommenden Monate, jeder Dritte rechnete mit Einbrüchen um 75 Prozent oder mehr.

Vor allem Berater in der Touristik/Freizeitindustrie und mit den Schwerpunkten Markteintritt/Marktanalyse sagten hohe Einschnitte voraus, am optimistischsten waren Finanzexperten und Berater mit Expertise in Pharma, Chemie und Land- und Forstwirtschaft. Ungefähr sechs Prozent der Befragten erwarteten hingegen mehr Umsatz, trotz oder gerade aufgrund der Krise. Tatsächlich bekamen einige Themen plötzlich große Relevanz: Die Umstellung auf virtuelles Arbeiten war für manche Unternehmen eine große Herausforderung, einige brauchten Hilfe bei der Krisenkommunikation. Später lag ein Fokus auf Liquiditätsplanung, um das wirtschaftliche Überleben zu garantieren.

Die Berater stellten sich schnell auf die neue Situation ein: 43 Prozent wollten ihr Angebot, z.B. ihre Tagesrate anpassen, um neue Kunden zu gewinnen, 33 Prozent planten Projekte außerhalb ihres üblichen Fachgebietes zu verfolgen und 45 Prozent hatten schlicht vor die neu gewonnene freie zu Zeit genießen. Auch langfristig werden die mit Corona verbundenen Erfahrungen die Berater nach eigener Aussage verändern: Jeder Zweite ist sich sicher, nun öfter remote zu arbeiten und jeder Dritte denkt, dass er oder sie Kunden anders beraten wird.

An ihrer grundsätzlichen beruflichen Situation jedoch wollen die Allermeisten gar nichts verändern. Genau wie vor Corona wollen 63 Prozent in den nächsten zwei Jahren weiterhin als selbständige Berater arbeiten, nach wie vor würden 89 Prozent eben dies Freunden oder ehemaligen Kollegen empfehlen. Wie schon 2017 stimmen beeindruckende 91 Prozent der Aussage zu: “Ich bin so glücklich wie oder glücklicher als früher in der Festanstellung.” Dieser Wert ist lediglich um 3 Prozentpunkte gegenüber den Wochen vor dem Lockdown gefallen. Die Registrierungszahlen für das COMATCH-Netzwerk sind seit Mitte März nur leicht unter denen des Vorjahres. Wer aktuell also in einer Festanstellung ist, scheut den Schritt ins Ungewisse tendenziell. Doch die Studie zeigt deutlich: Diejenigen, die schon vor der Krise den Sprung in die Selbständigkeit wagten, wollen nicht zurück, sondern sind zufrieden und optimistisch. Zwei Drittel glauben, dass der Bedarf an freiberuflicher Expertise wachsen wird.


Exklusiver Gastbeitrag verfasst von Dr. Jan Schächtele, COMATCH

Download der Studie: https://www.comatch.com/files/COMATCH_DNA_2020_German.pdf

Quelle Portraitbild und Grafiken: COMATCH
Quelle Titelbild: iStock

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