Trennung von Prüfungs- und Beratungsgeschäft: US-Verantwortliche nimmt nach Konflikt mit EY-Weltchef den Hut

Vor wenigen Tagen wurden durch einen australischen Investigativjournalisten und durch Financial Times Pläne enthüllt, wonach EY derzeit die Abspaltung von Wirtschaftsprüfung und Consulting durchspielt. Wie schwer es fallen wird, in diesem Zusammenhang alle Interessen der Partnerschaft auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, zeigt ein aktuelles Beispiel: Ein Konflikt auf höchster Ebene hat zur Folge, dass US-Chefin Kelly Grier das Unternehmen verlassen wird.

Bereits im Jahr 2011 legte der damalige EU-Kommissar für Finanzen, Michel Barnier, das so genannte Grünbuch „Weiteres Vorgehen im Bereich der Abschlussprüfung: Lehren aus der Krise“ vor. Der ambitionierte Plan: Die Macht der Big Four, namentlich Deloitte, PwC, EY und KPMG, deutlich einschränken, um Interessenskonflikte und Fehlentwicklungen zu vermeiden. Insbesondere die gleichzeitige (Steuer-) Beratung von Prüfungsmandanten sollte verboten werden. Am Ende der jahrelangen Verhandlungen stand ein „Grünbuch light“ – und die Big Four konnten weiterhin nahezu unbehelligt in bestimmten Umfängen beraten. Wie viele Beobachter in Brüssel feststellten: Ein beispielloser Sieg des Lobbyismus.

Nachdem sich in den vergangenen Jahren weltweit Bilanzskandale größeren Umfangs ereigneten, Wirecard ist dabei der prominente Fall in Deutschland, nahm der Druck auf die großen Vier wieder zu. In UK fordert „Watchdog“ FRC eine Trennung von Prüfung und Beratung bis 2024, in den USA prüft die SEC, inwiefern Interessenskonflikte bestehen, auf die man regulatorisch reagieren muss.

Größtes Marktbeben seit zwei Jahrzehnten

Wie nach Financial-Times-Recherchen immer mehr bestätigt zu sein scheint, geht EY nun einen mutigen Schritt voraus: Man prüft die generelle Trennung von Prüfungs- und Beratungsgeschäft beispielsweise in Form eines Börsenlistings oder eines Verkaufs der Beratungseinheit. Die konkrete Vorgehensweise scheint bislang noch nicht final entschieden, zumal eine derart umfangreiche Abspaltung bei einem Unternehmen mit insgesamt rund 40 Milliarden US-Dollar Umsatz, 312.000 Mitarbeitenden in 150 Ländern und dezentraler Organisationsstruktur alles andere als trivial erscheint. Was sich hier soeben anbahnt, ist eine der größten Eruptionen im Markt der Wirtschaftsprüfer und Unternehmensberater seit dem Enron-Skandal Anfang der 2000er Jahre.

Während sich der vorige EY-Weltchef Mark Weinberger noch vehement gegen eine Trennung gestemmt hatte, lenkt der aktuelle CEO von EY, Carmine Di Sibio, nun offenbar ein. Doch er alleine kann über eine Maßnahme dieser Größenordnung nicht entscheiden – dies werden die weltweit 13.000 Partnerinnen und Partner letztlich entscheiden müssen. Und innerhalb der Partnerschaft gibt es durchaus unterschiedliche Lager: Bei einem Verkauf würden beispielsweise Senior Partner kurz vor dem Ruhestand finanziell deutlich stärker profitieren als Non-Equity-Partner. The Australian Financial Review zitiert in diesem Kontext John Igoe, einen ehemaligen EY-Partner, der damals den Verkauf des Beratungsgeschäfts von Ernst & Young an Cap Gemini miterlebte: „Partners close to retirement may be seeing dollar signs“.

Vielfältige Interessen innerhalb der Partnerschaft

Aber auch regionale Interessen spielen in die aktuelle Causa mit ein: Wie die Financial Times am heutigen Tag berichtet, kam es zwischen US-Chefin Kelly Grier und Carmine Di Sibio zu einem Konflikt, an dessen Ende Grier hinwarf. Sie werde zwar noch bis zum Ende ihrer Amtszeit – endend im Juni 2022 – an der Spitze der US-Region verbleiben, danach wolle sie jedoch EY verlassen. Was war geschehen? Personen aus dem Führungszirkel berichten davon, dass Grier mehr Einfluss der amerikanischen Partnerschaft in der globalen Struktur verlangt habe und zugleich keine Einigkeit erzielt werden konnte, wie hoch die finanziellen Abgaben der US-Organisation an EY Global sein sollen.

Kelly Grier, EY US Chair und Managing Partner Americas © EY

Während das US-Geschäft zuletzt für mehr als 40% der weltweiten Umsätze stand und somit den größten Beitrag einer Region am Gesamtergebnis leistete, ist dieser Anteil aus Sicht von Grier nicht hinreichend in den weltweiten Entscheidungskompetenzen repräsentiert. Im Kräftemessen mit Di Sibio zog Grier den Kürzeren – Insider kommentieren: „She flew too close to the sun and got her wings burnt“.

Auch wenn das Säbelrasseln zwischen Grier und Di Sibio offenbar nicht im direkten Zusammenhang mit einer möglichen Abspaltung steht: Es zeigt jedoch die Komplexität auf, der sich EY und gegebenenfalls auch die sonstigen Big Four in der Zukunft stellen müssen. Interne Unternehmenspolitik und finanzielle Interessen werden einen unmittelbaren Einfluss auf mögliche Carve-out-Prozesse haben. In jedem Fall werden die kommenden Monate spannend.

Kommentar verfassen