Als Berufseinsteiger hat man grundsätzlich erst einmal damit zu kämpfen, sich auf den neuen Arbeitsrhythmus, die neuen Kolleginnen und Kollegen, die Rolle im Unternehmen sowie auf die konkrete Arbeitstätigkeit einzustellen. Steigt man direkt von der Universität als Consultant ein, kommen noch viele Besonderheiten, Unwägbarkeiten und Herausforderungen hinzu. Wie organisiere ich mein Privatleben, wenn ich zukünftig von Montag bis Donnerstag reise? Wie kommuniziere ich richtig nach innen und in Richtung des Kunden? Welche Dinge sollten im Sinne der weiteren Karriere besser vermieden werden? Mit diesen Fragestellungen hat sich Moritz Dressel, selbst seit einigen Jahren Unternehmensberater, umfassend beschäftigt. Im exklusiven Interview mit der Consultant Career Lounge spricht er über seine eigenen Erfahrungen und sein soeben erschienenes Buch, das eine Art Survival-Guide für Consultants geworden ist.

Moritz Dressel, Consultant und Buchautor

Moritz Dressel, Consultant und Buchautor

Herr Dressel, was war aus Ihrer Sicht die größte Hürde, die Sie als Berufseinsteiger in der Unternehmensberatung meistern mussten?

Das Beraterleben bietet eine ganze Reihe von Herausforderungen. Die größte Herausforderung war sicherlich das Thema Zeitmanagement und damit einhergehend die Fähigkeit, auch mal Nein zu sagen. Effizientes Arbeiten ist in den meisten Studiengängen heute unabdingbar. Mit Effizienz allein wird jedoch die Arbeit im Berateralltag nicht zu meistern sein. Zu groß sind die Anforderungen nicht zuletzt durch einen selbst. Die meisten Berater wollen etwas leisten. Dieser oftmals selbst auferlegte Leistungsdruck kann allerdings zum Bumerang werden.

Seine Grenzen realistisch einzuschätzen und Arbeit dementsprechend auch mal abzuweisen – das ist die große Kunst. Das beherrschen jedoch die Wenigsten von Hause aus, sondern muss üblicherweise über Jahre erlernt werden.

Sie haben sich entschieden, eine Art „Survival-Guide“ für aufstrebende Berater zu schreiben. Was hat Sie dazu bewogen?

Die Fragen, die junge Berater umtreiben, sind erfahrungsgemäß von Jahr zu Jahr die gleichen. Wie erreiche ich „X“? Wie vermeide ich „Y“? Dennoch gab es keinerlei Ratgeber, der gezielt auf diese Themen eingeht. Viele Ratgeber am Markt beschränken sich auf den Bewerbungsprozess oder sind nur sinnvoll für höhere Positionen. Bislang mangelte es an einem Handbuch, das das 1×1 des Beraterlebens aus Sicht eines Berufseinsteigers abbildet. Mit „The Aspiring Advisor“ hoffe ich, diese Lücke zu schließen.

Vom Überstehen der ersten Arbeitswoche, dem Verfassen von E-Mails bis hin zu Tipps für das richtige Networking behandelt Ihr Buch eine große Bandbreite an Themen. Gibt es wirklich so viele Steine, über die man als Berater stolpern kann?

Survival-Guide für Unternehmensberater:

Survival-Guide für Unternehmensberater: „The Aspiring Advisor“

Ich denke, ja. Man muss hierbei bedenken, dass es natürlich zuallererst um die Vermeidung von Fehlern geht. Die Lehren, die andere bereits gezogen haben, sollte man nutzen anstatt die gleichen Fehler zu wiederholen. Allerdings zielt mein Buch gerade auch darauf ab, den Arbeitsalltag einfacher, weil standardisierter, zu gestalten. Das heißt, es geht nicht nur darum, den Stolpersteinen aus dem Weg zu gehen, sondern, wenn Sie so wollen, einen gänzlich neuen Weg zu pflastern. Wie viele andere habe auch ich erst mit der Zeit gelernt, welche Arbeitsschritte automatisiert bzw. signifikant vereinfacht werden können. Wenn man dies jedoch bereits zum Start leisten kann, dann macht man nicht nur sich selbst, sondern auch den Kollegen das Leben deutlich leichter.

Was ist aus Ihrer Sicht der größte Fehler, der immer wieder von jungen Beraterkollegen begangen wird, der aber leicht abzustellen ist?

Der größte Fehler liegt sicherlich in einem Mangel an Kommunikation, insbesondere hinsichtlich des sogenannten Expectation Managements.

Zwei Beispiele: Wenn ich einen Arbeitsauftrag erhalte, muss ich sicherstellen, dass ich zu 100% verstehe, was zu leisten ist. Etwaige Unklarheiten müssen idealerweise vor Arbeitsantritt ausgeräumt werden. Viele junge Berater wählen hier den vermeintlich „sicheren“ Weg und fragen lieber einmal weniger nach. Damit läuft man natürlich Gefahr, gänzlich am Thema vorbei zu arbeiten, oder fragt schlussendlich zu einem späteren Zeitpunkt ohnehin nochmal nach.

Ähnlich verhält es sich mit dem Einhalten von Terminvorgaben. Es gibt wenige Dinge, die erfahrene Berater mehr hassen als Überraschungen. Sobald ich also weiß, dass ein Termin voraussichtlich unter den gegebenen Voraussetzungen nicht zu halten ist, muss ich dies an meinen Vorgesetzten kommunizieren. Für die meisten Probleme lassen sich Lösungen finden. Allerdings ist dies ungleich schwieriger, wenn der Engpass erst kurz vor Lieferfrist kundgetan wird.

Herr Dressel, Sie sind seit einigen Jahren selbst im Consulting tätig. Was ist für Sie an dem Beruf auch heute noch faszinierend?

Was die Beratertätigkeit für mich auch heute noch spannend macht, sind die abwechslungsreichen Projekt und die Vielfalt an Kunden. Ganz gleich, um welches Thema es sich handelt, kein Projekt ist wie das andere. Selbst inhaltlich ähnliche Projekte stellen auch erfahrene Berater aufgrund der ganz eigenen Kundenkontexte vor immer neue Herausforderungen. Das ist es, was den Beruf für mich spannend und für jeden Berufsstarter empfehlenswert macht.

Wer oder was hat Sie in Ihrer bisherigen Karriere am meisten geprägt?

Hier muss ich meinen ersten Vorgesetzten, Frank Herrmann, nennen. Fachlich konnte ich von ihm vieles insbesondere im Bereich Integrationen lernen. Besonders prägend war jedoch seine persönliche Interaktion mit Kunden und Kollegen. Sie dient mir selbst nicht nur als Vorbild, sondern hat mir gezeigt, wie wichtig ein authentisches, menschliches Auftreten in der Arbeitswelt ist. Respekt gegenüber anderen ist eine wichtige Grundlage. Hierarchieebenen dürfen hierbei keine Rolle spielen.

Gleichwohl muss es möglich sein, Standpunkte klar zu kommunizieren. Es gibt aus meiner Sicht in allen Branchen zu viele Personen und zu wenige Persönlichkeiten. Viele Köpfe sind heute austauschbar. Um wichtige Dinge voranzutreiben, braucht es allerdings Leute mit Ecken und Kanten.

Wie wird sich der Consulting-Markt Ihrer Ansicht nach in den kommenden Jahren entwickeln?

Wir werden aus meiner Sicht keine fundamentalen neuen Entwicklungen im Markt sehen. Das Beratergeschäft als solches ist für viele Unternehmen unerlässlich und wird daher, unabhängig von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, Zukunft haben. Die Nachfrage wird nicht schwinden.

Auch sehe ich den Aufbau interner Beratungen nicht als wesentlich an. Dieser Weg wird nur für einige wenige Großunternehmen attraktiv sein.

Allerdings werden wir eine ganze Reihe an Kräften innerhalb des bestehenden Marktes beobachten können. Lassen Sie mich hier drei aufgreifen: Zum einen erwarte ich eine weitere Konsolidierung im Markt insbesondere mit Blick auf das klassische Strategiegeschäft. Ohne begleitendes Angebot einer Implementierung und Operationalisierung ist dieses Geschäftsmodell aus meiner Sicht nicht mehr tragfähig.

Des Weiteren sehe ich auch noch kein Ende bezüglich des Ausbaus von Beratungskapazitäten in den vier großen Prüfungsgesellschaften. Gerade die Pflichtrotation von Prüfungsmandaten kommt hier nochmal verstärkt zum Tragen. Allerdings möchte ich nicht ausschließen, dass der Regulator mittelfristig Maßnahmen zur Trennung des Beratungs- und Prüfungsgeschäfts ergreift.

Als dritten wichtigen Faktor sehe ich den sogenannten „War for Talents“. Es wird an klugen Köpfen für die Beratungshäuser auch in Zukunft nicht mangeln. Allerdings müssen wir schauen, inwieweit man den Bedürfnissen der jüngeren Generationen entgegen kommen kann. Die Flexibilität, die wir bislang einfordern, müssen wir künftig auch entgegenbringen. Ich sehe dies als Chance. Das Beratergeschäft hat die nötige Flexibilität und sollte diese nutzen. Denn niemandem ist langfristig damit gedient, erfahrene Berater im großen Stil an andere Industrien oder die Gründerszene zu verlieren, sofern man dies mittels flexiblerer Arbeitsmodelle abwenden kann.

„Expertise, Empathie, Flexibilität und Belastbarkeit“

Und welche Qualifikationen, Persönlichkeitseigenschaften oder sonstigen Fähigkeiten müssen Berater und Beraterinnen künftig mitbringen, um in diesem Kontext erfolgreich zu sein?

Ich glaube, die Anforderungen an den einzelnen Berater werden sich nicht grundlegend ändern. Sicher gibt es die eine oder andere technologische oder fachspezifische Neuerung. Den Kern der Beratungstätigkeit wird dies aus meiner Sicht jedoch nicht berühren.

Expertise, Empathie, Flexibilität und Belastbarkeit werden auch in Zukunft die vier Eckpfeiler des erfolgreichen Beraters sein. Dazu gehört selbstverständlich ein hohes Maß an Eigeninitiative im Bereich Fort- und Weiterbildung. Aber auch diese würde ich nicht als Veränderung wahrnehmen. Vielmehr muss man sie auch heute von jedem einzelnen in der Branche erwarten können.

Wenn Sie eine Unternehmensberatung auf der grünen Wiese gründen würden, was würden Sie anders machen als die etablierten Gesellschaften?

Mein Anspruch ist es nicht, das Rad neu zu erfinden. Stattdessen würde ich anstreben, die vorhandene Flexibilität, die die Beratung durchaus bietet, voll auszuschöpfen. Dies beinhaltet nicht nur eine verbesserte Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Hier haben nach meinem Kenntnisstand fast alle Beratungen noch Nachholbedarf.

Darüber hinaus würde ich mit einem Angebot alternativer Arbeitsmodelle die Attraktivität als langfristiger Arbeitgeber steigern. Hier sind verschiedene Ansätze denkbar, wie zum Beispiel projektbasierte Mitarbeit, aber auch „klassische“ Sabbaticals. Zudem würde ich prüfen, inwieweit eine kurze verpflichtende Auszeit zwischen zwei Projekten zur freien, kreativen Entfaltung umsetzbar ist.

Was möchten Sie Bewerbern mit Interesse an einer Karriere in der Unternehmensberatung mit auf den Weg geben, was sollten sie beachten?

Ich sage jedem, der auch nur ein Interesse an der Beratung hat, dass man es auf einen Versuch ankommen lassen sollte. Ich kenne keinen Karrierepfad, der ähnliche Möglichkeiten bietet wie die Beratung. In kurzer Zeit einen Einblick in diverse Unternehmen gewinnen? Eine extrem steile Lernkurve? Früh Verantwortung übernehmen? Ein Einstieg als Trainee im industriellen Großunternehmen kann lehrreich sein. Die Erfahrung ist im Vergleich jedoch sehr eingeschränkt.

Zudem muss man ehrlich sein: Karriereentscheidungen trifft man heute nicht mehr für die Ewigkeit. Was immer man im Laufe des weiteren Werdegangs vorhat – es wird tendenziell einfacher von der Hand gehen. Die Beratung macht einen fit für alle möglichen Herausforderungen im Berufsleben.

All jenen, die sich Bewerbungsprozess oder bereits in der Beratung befinden, empfehle ich Authentizität. Sowohl Berater als auch Kunden schätzen Persönlichkeit und diese gilt es hervorzuheben und nicht unter dem Mantel der Professionalität zu verbergen. Denn Professionalität und Authentizität stehen prinzipiell nicht im Widerspruch.


Zur Person

Moritz Dressel ist Berater im Bereich Mergers & Acquisitions (M&A) mit Schwerpunkt auf Integrationen und strategische Allianzen. Als Teil einer globalen Beratungsgesellschaft unterstützt er die erfolgreiche Umsetzung von Firmenfusionen und -ausgliederungen in den Industrien Maschinenbau, Pharma, Biotechnologie und Energie.

Durch seine mehrjährige Praxiserfahrung im In- und Ausland konnte Herr Dressel die Herausforderungen für angehende Berater selbst erleben und Erfolgsstrategien aus erster Hand ableiten. Sein Rezept für die effektive Ausgestaltung einer Beraterkarriere hat er in seinem Handbuch für Berufseinsteiger, „The Aspiring Advisor“, zusammengefasst.