In der Kolumne „Zweieinhalb Fragen zu…“ gibt der „Consulting-Professor“ Thomas Deelmann Einblicke zu aktuellen Themen oder generellen Trends im Beratungsmarkt. Zugespitzt und auf den Punkt.
Normalerweise ist die Gründung eines Betriebsrats keine überregionale Nachricht. Wenn dies allerdings bei McKinsey geschehen könnte, berichten Handelsblatt, Der Spiegel und andere Medien – so wie Anfang Oktober geschehen. Was steckt dahinter?
Im Berliner Büro von McKinsey brodelt es offenbar schon länger. Bei einer Betriebsversammlung im April 2026 wurde intensiv über die Gründung eines Betriebsrats diskutiert. Laut dem Handelsblatt wollte die Mehrheit der Anwesenden das Thema nicht weiter verfolgen. Drei Beschäftigte wollen dennoch zunächst einen Wahlvorstand und dann einen Betriebsrat und streben daher ein gerichtliches Beschlussverfahren an. Ein entsprechender Verhandlungstermin vor dem Arbeitsgericht Berlin ist für den 29. Juli 2027 angesetzt.
Hinter der Initiative verbirgt sich der Wunsch von Beschäftigten, eine institutionalisierte Interessenvertretung gegenüber dem Arbeitgeber zu schaffen. Dadurch kann die Mitbestimmung formalisiert und gesetzliche Rechte können wahrgenommen werden.

Bemerkenswert ist, dass die Diskussion gerade bei McKinsey stattfindet – in einem Unternehmen, das man vielleicht eher mit Management und Unternehmensführung, also der Arbeitgeberseite, als mit Arbeitnehmervertretung in Verbindung bringt. Über die tiefere Motivation für die Initiative lässt sich trefflich spekulieren; das geschieht auch im Netz, wir müssen das aber hier nicht aufgreifen.
Die betriebliche Mitbestimmung gilt grundsätzlich als sinnvoll. Warum stößt sie in diesem Fall offenbar auf Skepsis?
Der Fall scheint besonders, weil McKinsey häufig als Mythos wahrgenommen wird und die Unternehmenskultur stark von einem eigenen und besonderen Arbeits- und auch Leistungsverständnis gestaltet ist. Prägend dafür sind Prinzipien wie „Obligation to dissent“, „Client first, firm second, self third“ oder „Up or Out“. Sie tragen zum Image des leistungsfähigen und leistungsbereiten Consultants bei, der lange Arbeitstage in Kauf nimmt und sich auf jeder Karrierestufe im internen Wettbewerb mit seinen Peers bewähren muss.
Dieses Leistungsimage ist wohl auch einer der Gründe, warum Kunden McKinsey beauftragen. Und für die einzelnen Consultants kann das Image auf dem Arbeitsmarkt einen Vorteil darstellen. Allerdings dürfte die Arbeit bei McKinsey nicht durchweg ein Zuckerschlecken sein – was aber von den Beschäftigten eher akzeptiert wird, wenn die Firma sich entsprechend um sie kümmert.

Diese Balance zwischen hohen Anforderungen und den dafür gebotenen Gegenleistungen könnte nun durch einen Betriebsrat verändert werden: Wenn nämlich bislang eher informell beziehungsweise unternehmensindividuell geregelte Arbeitsbedingungen und Beteiligungsprozesse stärker formalisiert werden.
Mit einem Betriebsrat würde McKinsey dann ein Stück weit zu einem „normalen“ Unternehmen werden. Der Mythos, von dem die Firma meines Erachtens stark profitiert, könnte dadurch an Strahlkraft verlieren. Das wiederum birgt die Gefahr, dass sowohl die Attraktivität des McKinsey-Images für Kunden als auch die „Karriere-Booster-Funktion“ für die Consultants beeinträchtigt werden.
Wie hätten Sie als Consultant in der Betriebsversammlung gestimmt? Hätten Sie die Gründung eines Betriebsrats unterstützt?
Eine schwierige Frage – zumal ich die Situation nur von außen beurteilen kann. Aber nach dem, was wir gerade besprochen haben und weil ich die Gefahr sehe, dass mögliche kurzfristige Geländegewinne auf Kosten eines langfristigen Reputationsverlustes erfolgen, hätte ich wohl gezögert. Denn ein Betriebsrat könnte genau die informelle Kultur verändern, die McKinsey für viele Consultants attraktiv macht.

Thomas Deelmann ist Professor für Management und Organisation an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung (HSPV) Nordrhein-Westfalen. Nach einer Verwaltungsausbildung und Wirtschaftsstudium arbeitet und forscht er seit über 20 Jahren als, für, mit und über Berater – in einem internationalen Beratungskonzern, als Beratungseinkäufer in einem DAX-Unternehmen, Projektleiter, Auftraggeber von Beratungen, Betroffener von Consulting-Projekten, Inhouse- und freier Consultant sowie in der Lehre und Forschung zur Unternehmens- und Verwaltungsberatung.
