Daniel Nerlich: Frau Anderson, Sie haben die ersten 100 Tage in Ihrer neuen Rolle hinter sich. Was hat Sie in dieser Zeit am meisten überrascht?
Andrea Anderson: Als ich Anfang des Jahres gestartet bin, war das Marktumfeld alles andere als einfach. Gleichzeitig befanden wir uns mitten in einer weiteren Integrationsphase. Umso beeindruckender war für mich die Energie innerhalb des Teams. Trotz anspruchsvoller Rahmenbedingungen war der Blick konsequent nach vorne gerichtet. So haben wir neben den wichtigen Integrationsthemen gemeinsam daran gearbeitet, unsere zukünftige Positionierung zu schärfen und unsere Wachstumsgeschichte fortzuschreiben. Dieser bedingungslose Fokus und die gemeinsame Aufbruchsstimmung haben mich positiv überrascht.

Sie kennen Mercer bereits aus unterschiedlichen Rollen und haben frühere Integrationen selbst begleitet. Mit welchen Prioritäten sind Sie in Ihre neue Verantwortung gestartet?
An erster Stelle stand für mich, unsere neue Marktposition zu entwickeln und sichtbar zu machen. Durch die Integration von HKP und Profil M verfügen wir heute über eines der umfassendsten Beratungsportfolios im People-Bereich. Mit mehr als 300 Kolleginnen und Kollegen sind wir den maßgeblichen Feldern des HR-Managements führend aufgestellt. Dieses Gesamtbild ist vielen Kunden allerdings noch gar nicht bewusst.
Parallel dazu galt es, aus einem sehr vielfältigen Leadership-Team ein gemeinsames Führungsverständnis zu entwickeln. Wir bringen unterschiedliche Erfahrungen, Perspektiven und Kulturen zusammen. Jetzt geht es darum, daraus eine skalierbare Organisation zu formen, die erfolgreich weiter wachsen kann. Gleichzeitig verändert Künstliche Intelligenz unser eigenes Geschäftsmodell, wie auch das vieler unserer Kunden. Deshalb beschäftigen wir uns intensiv damit, wie wir unsere Organisation selbst weiterentwickeln, um mit unseren Angeboten wirksamer sein zu können als die vom Kunden genutzte KI.
Mit Profil M haben Sie Ihr Portfolio gezielt erweitert. Welche strategische Lücke schließt diese Akquisition?
Profil M ergänzt unser Portfolio genau an der Stelle, an der viele Transformationen letztlich erfolgreich werden oder scheitern: bei Führung. Wir begleiten Unternehmen heute entlang der gesamten People Agenda – von HR-Strategie über Organisationsentwicklung und Kulturwandel bis hin zu Leadership Assessment und Development. Damit können wir unsere Kunden wesentlich ganzheitlicher begleiten und Führung als zentralen Hebel erfolgreicher Transformation verankern.
Was hat Sie in der Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen von Profil M besonders beeindruckt?
Zum einen die hohe fachliche Exzellenz. Profil M verfügt über jahrzehntelange Erfahrung, einen außergewöhnlich starken Kundenstamm und eine beeindruckende Erfolgsgeschichte. Mindestens genauso wichtig ist aber die kulturelle Passung. Die Kolleginnen und Kollegen sind authentisch und bringen eine enorme Leidenschaft für ihr Thema mit. Gleichzeitig macht die Zusammenarbeit menschlich einfach Spaß. Diese Kombination aus Professionalität und Kultur passt hervorragend zu Mercer.
Sie selbst prägen künftig die Ausrichtung des Bereichs Strategic People & Corporate Governance Advisory. Welche Handschrift möchten Sie hinterlassen?
Ich möchte den Blick konsequent auf die gesamte People Agenda richten. Unternehmen benötigen heute keine isolierten HR-Lösungen mehr, sondern integrierte Antworten auf komplexe Transformationsfragen. Wir erreichen damit eine Relevanz, die weit über den engen HR-Fokus hinausreicht. Gleichzeitig möchte ich unsere Kultur weiter stärken. Authentizität, Klarheit und Verbindlichkeit prägen meinen Führungsstil. Mir ist wichtig, ein Umfeld zu schaffen, in dem Menschen Verantwortung übernehmen, schnell lernen und zielorientiert zusammenarbeiten.
Woran erkennen Sie persönlich, dass die kulturelle Integration verschiedener Beratungseinheiten tatsächlich gelungen ist?
Der erste Indikator ist die Sprache. Sobald niemand mehr zwischen „Legacy Mercer“, „Legacy hkp///“ oder „Legacy Profil M“ unterscheidet, sondern selbstverständlich von „wir“ spricht, ist bereits viel erreicht.
Der zweite zeigt sich im Alltag. Wenn Projektteams ausschließlich danach zusammengestellt werden, wer für den Kunden den größten Mehrwert schafft, unabhängig von der früheren Zugehörigkeit, entsteht aus mehreren Organisationen tatsächlich ein gemeinsames Unternehmen.

Und schließlich muss auch unser Leadership-Team als Einheit wahrgenommen werden. Unsere Mitarbeitenden wie auch unsere Kunden müssen erleben, dass wir konsistent handeln, gemeinsam entscheiden und gemeinsam Verantwortung übernehmen.
Wie gelingt es, bei aller Integration gleichzeitig die Identität einzelner Einheiten zu erhalten?
Integration bedeutet ausdrücklich keine Uniformität. Profil M steht seit Jahren für exzellente Leadership- und Assessment-Kompetenz. Diese Positionierung ist am Markt etabliert und soll sichtbar bleiben. Gleiches gilt für andere hoch spezialisierte Beratungsfelder innerhalb unseres Portfolios, wie beispielsweise das Corporate Governance Advisory.
Unser Ziel ist deshalb eine gemeinsame Marktpositionierung, die Spezialisierung nicht ersetzt, sondern miteinander verbindet.
Sie sprechen von integrierten Lösungen entlang der gesamten People Agenda. Was unterscheidet diesen Ansatz von klassischen HR-Beratungen oder großen Strategieberatungen?
Wir beginnen nicht bei einzelnen HR-Disziplinen, sondern bei den strategischen Herausforderungen unserer Kunden. Ein CEO oder CHRO denkt nicht in Vergütung, Organisationsdesign oder Workforce Planning. Er fragt sich, wie sein Unternehmen produktiver, anpassungsfähiger und zukunftsfähiger wird.
Genau dort setzen wir an. Wir verbinden unterschiedliche Kompetenzen zu einer integrierten Lösung und vermeiden dadurch Schnittstellen sowie Reibungsverluste. Gleichzeitig verfügen wir über eine hohe fachliche Tiefe in den Einzeldisziplinen sowie relevante Marktdaten. Diese Verbindung aus Breite und Spezialisierung ist heute ein wesentlicher Wettbewerbsvorteil und ermöglicht unseren Kunden datengetriebene Entscheidungen sowie wirksame Transformationen.
Mercer rückt die Dachmarke Marsh zunehmend stärker in den Mittelpunkt. Welche Bedeutung hat diese Markenintegration?
Für unsere Kunden schafft sie vor allem Klarheit. Unternehmen sollen unmittelbar erkennen, dass sie innerhalb Marsh auf ein sehr breites Kompetenzspektrum zugreifen können, ohne sich zwischen unterschiedlichen Gesellschaften orientieren zu müssen.
Nach innen stärkt eine gemeinsame Marke den Teamgedanken und erleichtert die Zusammenarbeit. Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, bewährte Identitäten aufzugeben, sondern unsere jeweiligen Stärken unter einer gemeinsamen strategischen Ausrichtung zusammenzuführen und unsere Kunden noch ganzheitlicher zu begleiten.

Welche Themen beschäftigen CHROs derzeit besonders?
Im Kern geht es um zwei Herausforderungen: Produktivität und Anpassungsfähigkeit. Unternehmen müssen effizienter werden und sich gleichzeitig immer schneller verändern können. Aktuell stellen sich viele Unternehmen die Frage, wie sie Arbeit, Skills und Führung so gestalten, dass Künstliche Intelligenz wirklich Hebelwirkung bekommt und sie zukunftsfähig aufgestellt sind.
Deshalb sehen wir derzeit besonders hohe Nachfrage bei Organisationsentwicklung und Restrukturierung, Workforce Transformation und Skill Management sowie Leadership Advisory. Hinzu kommen regulatorische Anforderungen wie Vergütungstransparenz oder Fairness, die inzwischen fester Bestandteil jeder HR-Agenda sind.
Transformation begleitet Ihre gesamte Karriere. Was hat sich verändert – und was bleibt zeitlos?
Methoden, Technologien und Geschwindigkeit verändern sich permanent. Was sich nicht verändert hat, ist der entscheidende Erfolgsfaktor jeder Transformation: Menschen.
Erfolgreiche Veränderung braucht ein Führungsteam, das Orientierung gibt, Vertrauen schafft und Menschen für eine gemeinsame Zukunft begeistert. Gleichzeitig müssen Mitarbeitende verstehen, warum Veränderungen notwendig sind, und die Möglichkeit erhalten, sie aktiv mitzugestalten. Genau daraus entsteht die Energie, die Transformation dauerhaft trägt.
Sie haben Ihre neue Rolle in einem wirtschaftlich anspruchsvollen Markt übernommen. Woran werden Sie Ihren persönlichen Erfolg in einem Jahr messen?
Natürlich spielen wirtschaftliche Kennzahlen eine Rolle. Entscheidend ist für mich jedoch die Qualität unseres Wachstums. Ich möchte sehen, dass Mercer – künftig Marsh – zunehmend als strategischer Partner für die gesamte People Agenda wahrgenommen wird und wir unser erweitertes Portfolio erfolgreich beim Kunden verankern.
Mindestens genauso wichtig ist aber die interne Perspektive. Wenn unsere Mitarbeitenden an unsere gemeinsame Richtung glauben, Verantwortung übernehmen und unsere Kultur weiter gestärkt wurde, dann ist das für mich ein ebenso wichtiger Erfolg wie jedes wirtschaftliche Ergebnis.
Vielen Dank für dieses Gespräch, Frau Anderson.

