Kolumne mit Prof. Dr. Thomas Deelmann: „Zweieinhalb Fragen zu…dem vergangenen & zum kommenden Halbjahr“

In der Kolumne „Zweieinhalb Fragen zu…“ gibt der „Consulting-Professor“ Thomas Deelmann Einblicke zu aktuellen Themen oder generellen Trends im Beratungsmarkt. Zugespitzt und auf den Punkt.


Die erste Hälfte des Jahres ist vorüber. Wie sieht Ihr Rückblick auf die Beratungsbranche in diesem Zeitraum aus und wollen Sie einen Ausblick auf die zweite Hälfte wagen?

Beim Blick zurück wird noch einmal deutlich, wie turbulent das Jahr bisher war. Das gilt für die Geopolitik genauso wie für das politische Berlin. Wir sind mit den Auswirkungen von Kriegen, sozialen Spannungen im Land und den Effekten des Klimawandels konfrontiert. Gleichzeitig entwickeln die großen Tech-Unternehmen mit Hochdruck KI-Lösungen – aber vor allem in den USA und in China.

Die Rahmenbedingungen bleiben also herausfordernd. Aber zuletzt gab es positive Signale – auch wenn uns die Fußballnationalmannschaft der Herren etwas im Stich gelassen hat. Interessanter ist da aber wohl eher der ifo-Geschäftsklimaindex, der im Juni wieder leicht gestiegen ist. Auch das Index-Äquivalent vom BDU hat zuletzt einen kleinen Anstieg verzeichnet. Und in Berlin werden inzwischen verschiedene Reformvorschläge auf den Tisch gelegt. Das sind für die Beratungsbranche grundsätzlich gute Impulse. Als optimistischer Mensch kann man also neugierig und verhalten positiv auf die nächsten Monate schauen.

Und noch ein Punkt, der auffällt: Die leidige „KI-oder-Consulting“-Diskussion scheint sich endlich zu entspannen.

Was meinen Sie damit?

Nicht nur im letzten halben Jahr, sondern schon seit etwas längerer Zeit sind immer wieder Stimmen zu hören, die sinngemäß postulieren: „KI killt Consulting!“ Das mag ja für eine Zeit ein interessantes Gedankenexperiment sein und es ist auch gut, richtig und professionell, sich damit auseinanderzusetzen und beispielsweise Szenarien auszumalen.

Aber wenn diese Argumentation rein auf den technischen Möglichkeiten fußt, die durch generative KI zur Verfügung stehen, dann springt das alles zu kurz. Consulting – und hier klammere ich jetzt bewusst die Formen der Organisationsentwicklung und systemischen Beratung aus, bei denen sich die Lage noch klarer darstellt – ist nun mal mehr, als Wissen von A nach B zu tragen und PowerPoint-Folien zu malen. Plus: In vielen der Statements ist meines Erachtens die Frage, was der Kunde will, nicht genügend berücksichtigt. Informationen oder Expertise stehen zwar oft in der Leistungsbeschreibung oder im Auftrag. Aber das, was er wirklich, wirklich will – hier ist an Veränderung, Akzeptanz, Umsetzung etc. zu denken –, das geht meist noch tiefer.

Was natürlich passieren kann, ist, dass ein paar der Tätigkeiten, die bisher von Beratungen übernommen wurden und als Beratungsleistung verkauft wurden, aber keine Beratung im engeren Sinne waren, aus dem Markt herausfallen, weil die Kunden dafür keinen Dienstleister mehr beauftragen wollen.

Würde der Markt dadurch kleiner – oder einfach nur anders?

Er würde dadurch ehrlicher. Er würde sich wieder auf den Kern der Beratungsarbeit fokussieren und weniger von Leistungen leben, die mit Beratung im engeren Sinne wenig zu tun haben.


Prof. Dr. Thomas Deelmann © privat

Thomas Deelmann ist Professor für Management und Organisation an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung (HSPV) Nordrhein-Westfalen. Nach einer Verwaltungsausbildung und Wirtschaftsstudium arbeitet und forscht er seit über 20 Jahren als, für, mit und über Berater – in einem internationalen Beratungskonzern, als Beratungseinkäufer in einem DAX-Unternehmen, Projektleiter, Auftraggeber von Beratungen, Betroffener von Consulting-Projekten, Inhouse- und freier Consultant sowie in der Lehre und Forschung zur Unternehmens- und Verwaltungsberatung.

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