In der Kolumne „Zweieinhalb Fragen zu…“ gibt der „Consulting-Professor“ Thomas Deelmann Einblicke zu aktuellen Themen oder generellen Trends im Beratungsmarkt. Zugespitzt und auf den Punkt.
Der Nahostkonflikt hat eine lange politische und militärische Entwicklung – und seit dem Sommer auch noch einen eigenen Berater-Skandal. Was ist geschehen?
Vieles ist immer noch undurchsichtig. Aber offenbar hat ein Team der Boston Consulting Group Ende 2024 den Aufbau einer humanitären Hilfsorganisation für die Menschen im Gaza-Streifen unterstützt. BCG selber spricht hierbei von einem Pro-bono-Projekt.
Zwei der damals verantwortlichen BCG-Partner sollen dann diese Projektbasis genutzt haben, um ein Folgeprojekt im Kontext eines möglichen Wiederaufbaus des Gaza-Streifens zu initiieren. Das Handelsblatt schreibt, dass es hier unter anderem um ein Finanzierungsmodell ging, in dem wohl auch Kostenschätzungen für die Umsiedlung von Hunderttausenden Palästinensern enthalten waren. Die Financial Times berichtet über Sätze in Höhe von 9.000 US-Dollar pro Person beziehungsweise insgesamt rund 5 Milliarden Dollar.
Diese Beratungsarbeit kann auch vor dem Hintergrund der Überlegungen von US-Präsident Trump vom Gaza-Streifen als „Riviera des Nahen Ostens“ gesehen werden – und sie hat eine Welle der Empörung ausgelöst.
Wie ist BCG mit der Situation umgegangen?
Das Verhalten der Consultants stieß auf viel Ablehnung und in Deutschland haben sogar große Publikumsmedien über den Skandal berichtet, etwa der Focus. BCG selber sagt, die beiden verantwortlichen Partner hätten das angesprochene Folgeprojekt ohne das Einverständnis der Beratung durchgeführt, Zitat: „It was orchestrated and run secretly outside any BCG scope or approvals“. BCG sagt weiter, das Projekt sei gestoppt, man habe für diese Arbeit kein Geld erhalten und die beiden Partner seien nicht mehr Teil des Unternehmens.
Das Unternehmen begegnet zwar der Kritik und wiegelt ab. Aber ein Punkt bleibt und sticht heraus: Offenbar haben interne Prozesse und Kontrollsysteme nicht funktioniert. Die Partner konnten anscheinend außerhalb dieser Regeln unter BCG-Flagge arbeiten.
Zuletzt ebbten Empörung und Berichterstattung ein wenig ab. Vor wenigen Tagen hat die Boston Consulting Group dann kommuniziert, dass sie Abläufe verbessert und ein Regelwerk für einschlägige Projekte erarbeitet habe. Und BCG-Consultants erhalten passende Trainings zu „humanitarian principles“.
Wie ist Ihre Einschätzung: Werden dadurch Skandale vermieden?
Bei BCG ist man vermutlich sensibilisiert. Aber irgendwann kommt für irgendeinen Consultant irgendeiner Beratung die nächste unwiderstehliche Opportunity…

Thomas Deelmann ist Professor für Management und Organisation an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung (HSPV) Nordrhein-Westfalen. Nach einer Verwaltungsausbildung und Wirtschaftsstudium arbeitet und forscht er seit über 20 Jahren als, für, mit und über Berater – in einem internationalen Beratungskonzern, als Beratungseinkäufer in einem DAX-Unternehmen, Projektleiter, Auftraggeber von Beratungen, Betroffener von Consulting-Projekten, Inhouse- und freier Consultant sowie in der Lehre und Forschung zur Unternehmens- und Verwaltungsberatung.
