DANIEL NERLICH: Frau Christensen, Sie sind nach knapp 14 Jahren auf der Industrieseite ins Consulting zurückgekehrt. Ist Ihr Onboarding bereits erfolgreich abgeschlossen und konnten Sie sich gut „reintegrieren“?
EVA CHRISTENSEN: Die Rückkehr ins Consulting war weniger eine klassische Reintegration als vielmehr ein neuer Einstieg, da Implement Consulting einen deutlich anderen Ansatz verfolgt als die Beratungen, die ich zuvor kannte. Das Unternehmen ist als Netzwerkorganisation strukturiert, wodurch Arbeitsweisen weniger durch feste Prozesse als durch dynamische, teamübergreifende Kooperationen geprägt sind.

In den vergangenen sechs Monaten habe ich daher nicht nur das deutsche Team, sondern auch viele internationale Kolleginnen und Kollegen kennengelernt. Meine vorherige Erfahrung in projektbezogenen Rollen hat mir dabei geholfen, mich schnell zurechtzufinden. Gleichzeitig bin ich noch dabei, die spezifische Arbeitsweise von Implement vollständig zu erfassen und noch viel mehr Kolleginnen und Kollegen kennenzulernen.
Sie waren vor Ihrer Zeit bei BSH bereits für rund dreieinhalb Jahre Beraterin bei einer der weltweiten Top-Strategieberatungen. Worin sehen Sie die größten Unterschiede zwischen Implement und der Beratung damals?
Seit meinem Ausstieg aus der Beratung im Jahr 2010 hat sich die gesamte Branche stark verändert, nicht zuletzt durch Themen wie Homeoffice, reduzierte Reisetätigkeit und eine stärkere Berücksichtigung individueller Bedürfnisse wie der Wunsch nach Sabbaticals.
Der grundlegendste Unterschied ist jedoch der Ansatz von Implement, der sich stark von klassischen Beratungsmodellen abhebt. Unser Prinzip „Start with People“ stellt den Menschen in den Mittelpunkt – sowohl intern durch ein hohes Maß an individueller Freiheit als auch extern durch eine enge Zusammenarbeit mit den Kunden und Kundinnen. Dies zeigt sich insbesondere in unserem Konzept des „Collaborative Consulting“, bei dem wir gemeinsam mit unseren Kunden und Kundinnen Lösungen erarbeiten, anstatt ausschließlich Handlungsempfehlungen zu präsentieren. Meine Erfahrung zeigt, dass diese Herangehensweise zu nachhaltigeren Ergebnissen führt, da Kundinnen und Kunden ihre eigenen strategischen Entscheidungen besser verinnerlichen und mittragen.

Sie haben nun verschiedene Perspektiven kennenlernen können: Top-Strategieberatung, Inhouse-Consulting, Corporate Strategy, Digital Transformation und die operative Verantwortung als Leiterin einer Business Unit. Warum sind Sie in das Consulting zurückgekehrt? Warum gerade jetzt?
Meine Entscheidung war nicht primär eine Rückkehr in die Beratung, sondern gezielt der Wechsel zu Implement. Nach vielen Jahren im selben Konzern – wenn auch in verschiedenen Rollen – entstand in mir der Wunsch nach einer neuen, dynamischeren Umgebung. Ich suchte ein Unternehmen mit einer offenen Kultur und Kolleginnen und Kollegen, die Dinge aus einer anderen Perspektive betrachten, um selbst weiter zu wachsen. Lernen und persönliche Entwicklung sind für mich essenziell, und genau diese Möglichkeiten habe ich bei Implement gefunden. Die Entscheidung fiel also nicht für das Consulting als solches, sondern für ein Arbeitsumfeld, das meinen Vorstellungen von Gestaltungsspielraum und Weiterentwicklung entspricht.
Hat Sie die Erfahrung auf der Industrieseite „bullet-proof“ werden lassen? In welchen Aspekten sind Sie Consultants, die bislang nur Beratung gesehen haben, voraus?
Die Arbeit auf Industrieseite hat mir vor allem ein tiefes Verständnis für die Herausforderungen der Umsetzung verschafft. Ich habe selbst erfahren, wie langwierig und komplex Veränderungsprozesse sein können und dass sie oft weniger an analytischen Fehlern als an mangelnder Akzeptanz oder Motivation der Beteiligten scheitern. Beispielsweise habe ich als Leiterin einer Business Unit eine umfangreiche Sortimentsreduzierung durchgeführt – ein typisches Beraterthema, das in der Praxis jedoch viele operative Hürden mit sich bringt. Diese Erfahrung hilft mir heute, nicht nur theoretisch über Effizienzsteigerung zu sprechen, sondern die praktischen Herausforderungen meiner Kundinnen und Kunden besser einzuschätzen.

Welches Klischee über Consultants trifft wirklich zu – und welches ist völliger Unsinn?
Ein typisches Beraterklischee, das definitiv zutrifft, ist die Neigung, Sachverhalte sofort zu strukturieren – sei es am Flipchart oder im Gespräch. Ebenso gibt es in der Branche viele hochleistungsorientierte Menschen, die ihren Selbstwert stark über ihre Performance definieren. Hier sehe ich auch eine Verantwortung der Unternehmensberatungen als Arbeitgeber, Rahmenbedingungen zu schaffen, die gesundes Arbeiten ermöglichen.
Hingegen halte ich das Bild des arroganten Beraters, der sich mit Anzug und Trolley als überlegen betrachtet, für überholt. Die Zusammenarbeit mit Kunden ist heute weit kooperativer und weniger durch Hierarchien geprägt als früher.
Würden Sie Beraterinnen und Beratern empfehlen, einen Exkurs auf die Industrieseite zu vollziehen, um letztlich „bessere Consultants“ zu werden?
Absolut. Die Erfahrung, tatsächlich für ein Thema verantwortlich zu sein, ist eine wertvolle Lektion. In Konzernen gibt es nicht nur innovationsgetriebene Mitarbeiter, sondern auch solche, die in stabilen Strukturen gut funktionieren – und mit beiden Gruppen muss man umgehen können. Wer die internen Dynamiken großer Unternehmen aus eigener Erfahrung kennt, versteht besser, welche Veränderungen realistisch umsetzbar sind und wie man sie erfolgreich begleitet. Am Ende zählt nicht die analytische Brillanz einer Lösung, sondern ihre praktische Machbarkeit.
Sie sind bei Implement als Director eingestiegen und werden sicherlich am Markt aktiv sein, um Projekte zu akquirieren. Typischerweise werden dafür bestehende Kontakte und ein adressierbares Netzwerk vorausgesetzt. Können Sie uns beschreiben, wie Sie nach ihrer langen Zeit in der Industrie Ihre vertrieblichen Aufgaben angehen werden?
Der Einstieg bei Implement ist ein schrittweiser Prozess, bei dem ich von Beginn an durch das bestehende interne Netzwerk unterstützt wurde. Anders als in klassischen Beratungen wird hier nicht erwartet, dass man sofort eigene Projekte akquiriert – stattdessen gibt es eine enge Zusammenarbeit mit erfahrenen Kollegen, die mich in laufende Projekte einbinden. Gleichzeitig bringe ich ein breites Netzwerk aus meiner Konzernzeit mit, das mir den Einstieg erleichtert. Besonders wertvoll ist die Kombination aus Beratungserfahrung und Industriehintergrund, die von Kunden sehr geschätzt wird. Letztlich basiert das Beratungsgeschäft auf Vertrauen, und meine Erfahrung hilft mir, dieses schnell aufzubauen.

Welche Rolle spielt eigentlich Ihr dänischer Nachname in einem Unternehmen wie Implement, das seine Wurzeln in Dänemark hat?
Mein Nachname hat keinerlei Einfluss auf meine Position oder meinen Einstieg bei Implement. Zwar stammt mein Urgroßvater aus Dänemark, doch ich selbst spreche kein Dänisch. Das ist jedoch kein Nachteil, da in Dänemark – insbesondere in internationalen Unternehmen – Englisch als Arbeitssprache dominiert. Manchmal kommt es vor, dass Kolleginnen und Kollegen, die mich nicht kennen, mir Mails auf Dänisch schreiben, doch das Missverständnis lässt sich schnell aufklären. Insgesamt spielt Nationalität hier keine Rolle, da die Unternehmenskultur von Vielfalt und Internationalität geprägt ist.
War der Besuch des Headquarters in Dänemark für Sie ein besonderer Moment?
Für mich lag die Faszination weniger im Gebäude selbst als in den Gesprächen, die ich im Vorfeld geführt habe. Ich habe viele unterschiedliche Persönlichkeiten kennengelernt und dabei festgestellt, dass Implement eine außergewöhnlich diverse Unternehmenskultur hat. Diese Vielfalt – sowohl in Denkweisen als auch in beruflichen Hintergründen – war für mich besonders motivierend. Gleichzeitig war es beeindruckend, im Headquarter die Dimensionen des Unternehmens ganz praktisch zu erleben und zu sehen, wie stark Implement international aufgestellt ist.
Was ist für Sie heute die wichtigste Fähigkeit, die eine gute Beraterin von einer großartigen Beraterin unterscheidet?
Die wichtigste Fähigkeit ist aus meiner Sicht Neugier. Exzellente Beraterinnen und Berater haben den Anspruch, Sachverhalte wirklich zu verstehen und sich tief in die spezifischen Herausforderungen eines Unternehmens einzuarbeiten. Standardisierte Lösungen nach Schema F greifen oft zu kurz – es geht darum, analytische Methodik gezielt anzuwenden und sie an die jeweilige Situation anzupassen. Diese Offenheit für neue Perspektiven und die Fähigkeit, Bestehendes zu hinterfragen, machen den entscheidenden Unterschied.
Wenn Sie einen TED-Talk über Ihre bisherige Karriere halten müssten, welchen provokanten Titel hätte er?
„Push the Boundaries“ – denn das ist ein zentrales Prinzip meines beruflichen und persönlichen Weges. Ich hinterfrage bestehende Grenzen – seien es meine eigenen, die von Organisationen oder von Systemen – und überlege, wie sie verschoben oder überwunden werden können. Dabei geht es nicht darum, Veränderung um ihrer selbst willen voranzutreiben, sondern gezielt zu prüfen, wo Anpassungen zum Besseren notwendig sind und mit welchem Maß an Energie man diese anstoßen sollte. Mit wie viel Schwung muss ich gegen eine Wand rennen, damit sie umfällt? Dieses Mindset begleitet mich seit vielen Jahren.
Herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Christensen!
Quelle Titelbild: Implement Consulting Group
