DANIEL NERLICH: Mit Carma Consulting begleiten Sie beim Einstieg ins Consulting – durch Interviewvorbereitungen, 1:1-Coachings oder Karriereplanung. Was hat für Sie den Anstoß gegeben, diese Themen zu adressieren?
Das hat sicherlich begonnen, als ich bei McKinsey war. Zunächst fragten Freunde und Bekannte: „Kannst du mal kurz meinen CV screenen und schauen, ob das für McKinsey reicht?“. Das wurde dann immer mehr, zunehmend auch von außerhalb meines Bekanntenkreises. Also habe ich mich schließlich während meines Masters selbstständig gemacht, damals noch mit dem Namen Carma Careers, und entwickelte Roadmaps für Studierende, die in die Beratung wollten. Das Thema hat mich irgendwie nicht mehr losgelassen. Also habe ich auch nach meinem Festeinstieg bei Horváth immer weiter gecoacht und dann schließlich Anfang 2024 gemeinsam mit Gero [Wahrenburg] gegründet. Gero war zuvor als Berater und im Recruiting von BCG tätig und enorm erfahren im Interviewing. Wir haben uns gesagt: ‚Okay, lass uns aus unseren Erfahrungen etwas Gemeinsames machen!‘. Und nun coachen wir Kandidatinnen und Kandidaten durch 1:1-Coaching in die Beratung hinein und bilden dabei die ganze Wertschöpfungskette des Interviewprozesses ab – vom Unterlagenscreening über die Interviewvorbereitung im Personal Fit bis zu den Vorbereitungen auf Cases.

Wie werden Ihre Services angenommen? Gibt es im Jahr 2024, in dem Unternehmensberatungen nicht mehr ganz so zahlreich rekrutieren, einen Markt für Sie?
Ja, total. Da die Beratungen in den letzten Jahren wieder sehr selektiv geworden sind, merken die Bewerberinnen und Bewerber, dass man sich umso besser vorbereiten muss. Wer wirklich ins Consulting einsteigen möchte, hat auch meistens Interviews, dann jedoch oft nur wenige. Und die wenigen Gespräche, die man hat, müssen umso erfolgreicher sein. Wir helfen dabei, dass das klappt.
Wenn man in dieser Situation ist, möchte man die Cases auch nicht nach dem gleichen Schema wie der gesamte Jahrgang lösen – man will hervorstechen und individuelle Ansätze zeigen. Das gleiche gilt auch für den Personal-Fit-Part, denn immer mehr Beratungen achten auf den Personal Fit. Aus meiner Interviewerfahrung bei Horváth weiß ich, dass dies tatsächlich zu 50 % gewichtet wird und somit absolut relevant ist. Daher suchen immer mehr Bewerberinnen und Bewerber nach gezielter Unterstützung auch zu diesem Aspekt.
Was wird am meisten bei Ihnen angefragt?
Auch wenn wir in dem Themenfeld die gesamte Wertschöpfungskette anbieten, machen sich die meisten Sorgen um die Performance im Case. Das ist nachvollziehbar, weil viele das vorher noch nie gemacht haben. Viele unterschätzen zunächst die Anforderungen im Case und überschätzen ihre Performance im Personal Fit Part. Ich erhalte häufig das Feedback: ‚Ne, da benötige ich keinen Support. Mich selbst präsentieren – das kann ich schon ganz gut‘. In der Zusammenarbeit mit uns wird dann meistens der persönliche Kontakt wertgeschätzt, also die persönliche Unterstützung. Wir machen keine anonymen Gruppencalls, sondern arbeiten mit jedem Einzelnen maximal individuell. Und das wird am meisten nachgefragt.
Wie hat sich aus Ihrer Sicht das Recruiting der Top-Managementberatungen von Young Professionals in den vergangenen Jahren verändert? Sehen Sie Entwicklungen?
Wir nehmen wahr, dass auf der einen Seite Bewerberinnen und Bewerber immer besser vorbereitet sind. Zugleich sind auch die Case Interviews oft so gestaltet, dass kein auswendig gelerntes Framework darauf passt, sondern die Problemstellung eigenständig strukturiert werden muss. Und klar, der klassische Aufbau eines guten Profils ist gerade immer noch gefragt: Das ist ein Profil mit Vorpraktika im Consulting.
Obwohl die Einladungssituation derzeit so selektiv ist, gibt es zugleich auch einen starken Anteil an „Exoten“. Das hat sich über die letzten Jahre deutlich verändert – es ist einfach deutlich diverser geworden. Bei unseren eigenen Coachees gibt es unter anderem Zahnmedizinerinnen, Physiker oder Psychologen. Es sind nicht mehr nur die klassischen BWLer gefragt, wie es vielleicht noch vor ein paar Jahren der Fall war.
Wo sehen Sie den größten Impact bei Menschen, die nicht BWL studiert haben?
Ganz klar: Wir können Unsicherheiten reduzieren! Viele Nicht-BWLer denken, dass sie allein schon deshalb schlechtere Chancen haben, weil sie vielleicht nicht ganz so gut wissen, wie eine Bilanz zu interpretieren ist. Da nehmen wir unseren Coachees ein Stück weit diese Ängste und befähigen sie, im Interview Skills zu zeigen, die über das reine Fachwissen hinausgehen.

Der Fokus Ihres Kandidatensegments liegt somit auf den Top-5-Strategieberatungen oder geht es auch darüber hinaus?
Die meisten wollen tatsächlich in die klassische Strategieberatung. Dort musst du wirklich bestimmte Skills wie etwa das Strukturieren von Problemen auf den Punkt aufzeigen können. Unser Portfolio reicht insgesamt aber von technologiefokussierten Beratungen über Restrukturierungsberatungen bis hin zu den klassischen Strategieberatungen. Und natürlich muss man sich anders auf eine Restrukturierungsberatung vorbereiten als auf die klassische Strategieberatung.
Nach Erfahrungen im Recruiting von Strategy& und McKinsey sowie einer Beratungsstation bei Horváth haben Sie sich im Jahr 2024 selbstständig gemacht. Warum haben Sie Sicherheit gegen Unternehmertum getauscht?
Weil es mir einfach unglaublich viel Spaß macht – insbesondere der Aspekt, junge Talente zu fördern und zu entwickeln. Ich selbst komme nicht aus einer Akademikerfamilie und trotzdem hatte ich immer die Ambition, irgendwas zu schaffen. Dadurch, dass ich jetzt in der Position bin, etwas ändern zu können, habe ich das auch genutzt. Wir haben beispielsweise ein „First Gen“-Stipendium eingeführt, was ich persönlich als sehr, sehr wichtig erachte. Wir fördern jene, die es sich nicht leisten können, in die eigene Entwicklung zu investieren.
Gleichzeitig war auch der Freiheitsaspekt für mich ein großes Motiv. Es macht mir einfach viel Spaß, von überall auf der Welt zu arbeiten – egal, ob in Frankfurt oder Lissabon. Ich kann mir zudem meinen Tag selbst gestalten. Natürlich funktioniert Unternehmertum meiner Meinung nach selten allein. Du brauchst schon einen richtigen Partner an der Seite oder das richtige Team. Das habe ich persönlich in Gero gefunden. Wir sind super komplementär und dadurch haben wir einen Riesenvorteil.
Wie sind die komplementären Stärken verteilt?
Gero ist sehr analytisch und strategisch. Ich bin eher die kommunikative, kreative Person. Unsere komplementären Skills kann man auch an unserer Themenaufteilung sehen: Gero behandelt das Thema „Case“, ich stehe insbesondere für das Thema „Personal Fit“.

Was waren im Zuge Ihrer Gründung die größten Überraschungen?
Eine überaus positive Überraschung war, dass wir sehen konnten, wie ehrgeizig die Coachees sind. Damit hätten wir am Anfang in dem Ausmaß nicht gerechnet. Selbstverständlich wussten wir, dass wir mit ambitionierten Menschen arbeiten würden. Aber so systematisch, wie die sich dahinterklemmen, und wie sehr sie das unbedingt wollen, ist wirklich etwas, das für uns schon überraschend war.
Außerdem hätte ich nicht gedacht, dass auch der mentale und emotionale Support so nachgefragt sein würde. Gero und ich haben beide klassische Coaching-Ausbildungen absolviert und das bringen wir immer auch ein bisschen in unsere Gespräche ein.
Birgt das auch die Gefahr, dass man zu emotional, zu nah an den Coachees dran ist?
Wir haben eine Erfolgsquote von mehr als 95 Prozent für Bewerberinnen und Bewerber. Für diejenigen mit einer Einladung bei den MBBs [McKinsey, Boston Consulting, Bain], liegt die Quote bei ganzen 70 Prozent. Und ja, wir fiebern bei den Interviews unserer Coachees intensiv mit. Einer unserer Coachees, der den Recruiting-Prozess bei einer MBB erfolgreich geschafft hat, lud uns als Dank kürzlich in die Oper ein. Man ist schon persönlich sehr miteinander „connected“ und man hat einfach eine enge Beziehung. Selbstverständlich bleibt das stets auf einem professionellen Level – aber wir fiebern schon mit.
Welche Kompetenzen haben Sie im Consulting erlernt, die Sie nun als Unternehmerin bestens einsetzen können?
Vieles! Die wichtigste Kompetenz, die ich mitgenommen habe, ist das Beziehungsmanagement: Eine wirklich gute Beziehung zum Kunden aufzubauen, klar zu kommunizieren und auch Erwartungsmanagement zu betreiben. Ich selbst war Beraterin im Bereich Change Management, wo es oft darum geht, Widerstände in der Führungsebene und bei den Mitarbeitenden aufzulösen. Dabei hat mir meine emotionale Intelligenz geholfen, mit den Umständen umzugehen und den persönlichen Kontakt und den persönlichen Weg zu wählen.
Außerdem hat uns die Erfahrung als Interviewer geholfen. Gero hat bei BCG interviewt, ich bei Horvath. Es war sehr hilfreich, unser Programm bei der Planung aus zwei verschiedenen Perspektiven betrachten zu können.
Ist eine Rückkehr in die Beratung für Sie selbst eine denkbare Option?
Ehrlicherweise glaube ich das derzeit nicht. Dafür macht mir meine Aufgabe viel zu viel Spaß.
Welche Pläne haben Sie mit Carma im Jahr 2025?
Wir machen jetzt erst einmal genauso weiter wie zuletzt. Gero und ich haben einen optimalen Weg gefunden, Kandidatinnen und Kandidaten auf die Interviews vorzubereiten. Einzige Änderung: Im kommenden Jahr möchte ich über LinkedIn noch mehr kostenlose Tools, Content-Artikel und weitere Formate zur Verfügung stellen. Wir planen beispielsweise einen Podcast, der in der Interviewvorbereitung einen besonderen Mehrwert bieten soll. Also, gar nicht so viel Veränderung in unseren Services, dafür aber ein bisschen mehr Content.
Sie gehen mehrmals im Jahr in ein Kloster, um zu meditieren. Beim Töpfern, Goldschmieden und Malen laden Sie Ihre Akkus wieder auf. Bieten Sie auch New-Work- oder Achtsamkeitsberatung an?
Spannende Frage. Also für mich persönlich funktionieren diese Dinge gut. Das ist aber letztlich für jeden sehr unterschiedlich. Wir arbeiten mit unseren Coachees tatsächlich an der mentalen Leistung – wie im Hochleistungssport. Die letzten Meter machen nicht die Beine, sondern der Kopf. Wir führen zum Beispiel regelmäßig auch zusätzliche Sessions durch, wo es um Bewusstsein und Achtsamkeit geht. Kleine Meditationen, Reflexionsübungen und auch Aktivitäten in Richtung mentaler Stärke. Das machen wir aber ehrlicherweise nur ergänzend, wenn wir merken, dass da ein Bedarf vorhanden ist.
Vielen Dank für dieses Gespräch!
