Kolumne mit Prof. Dr. Thomas Deelmann: „Zweieinhalb Fragen zu…dem Ende von Arthur Andersen und zu McKinsey“

In der Kolumne „Zweieinhalb Fragen zu…“ gibt der „Consulting-Professor“ Thomas Deelmann Einblicke zu aktuellen Themen oder generellen Trends im Beratungsmarkt. Zugespitzt und auf den Punkt.


Die Nachrichtenagentur Reuters spricht in einem Kommentar davon, dass die Klagesituation, mit der sich McKinsey konfrontiert sieht, derjenigen ähnelt, an der Arthur Andersen vor gut 20 Jahren zerbrochen ist. Teilen Sie die Meinung?

Nein. So große Ähnlichkeiten in den Situationen sehe ich nicht. Arthur Andersen befand sich in einem jahrelangen Wettbewerb um Größe, Umsatz und Gewinn – unter anderem mit seinem Spin-off Andersen Consulting. In dem Umfeld wurde das Engagement bei Enron zunächst überdehnt und ist dann implodiert. AA sind dabei verschiedene berufsständische Arbeitsfehler nachgewiesen worden und dann ging alles Schlag auf Schlag.

© REUTERS

Die Vorwürfe gegen McKinsey – Reuters bezieht sich in dem Beitrag vor allem auf die Opioid-Krise in den USA und die Rolle der Beratung dabei – sind schon länger bekannt und werden jetzt juristisch aufgearbeitet. Bei den Kunden scheint es in dieser Zeit keine signifikanten Abwanderungsbewegungen zu geben. Ganz im Gegenteil: Für 2023 spricht McKinsey von einem Rekordumsatz.

Aber McKinsey steht sehr häufig in der Kritik, oder?

Das stimmt: Das Unternehmen ist immer vorne mit dabei, wenn über die Consulting-Branche gesprochen wird. Das umfasst positive Zuschreibungen, aber auch die negative Berichterstattung. Richtiggehende Beratungsfehler sind zwar die Ausnahme, aber besonders schwer fallen die Antworten auf moralische Fragen ins Gewicht: Darf man beraten, wenn ein Verdacht auf Interessenkonflikte besteht – und wenn ja, wie? Wie schaut es mit Regierungen als Kunden aus, deren Wertekanon sich von demjenigen des McKinsey-Mutterlandes USA oder anderen westlichen Gesellschaften wie etwa Deutschland deutlich unterscheidet? Hat das Kundenwohl Vorrang gegenüber dem gesamtgesellschaftlichen Gemeinwohl?

An diesen und ähnlichen Fragen arbeitet sich die Öffentlichkeit gerne und mit großem Engagement ab. Aber auch McKinsey selber ist hier ganz aktiv. Die Diskussionen rund um die Werte und ihre Einhaltung können zwar richtig Schmerzen bereiten, sie erscheinen mir aber lösbar.

Die größeren Herausforderungen sehe ich innerhalb der Firma. Recht leicht sind hier Unstimmigkeiten und Reibereien zu erkennen. Beispielsweise kommt die jüngste Strategie-Diskussion wohl nicht von ungefähr. Die Wiederwahl von Bob Sternfels als CEO vor wenigen Wochen war ebenfalls ein Hürdenlauf. Und wenn rund eine Milliarde US-Dollar wegen der US-Engagements rund um den Vertrieb von Opioiden gezahlt wird, dann kommt wohl nicht überall Freude auf. Das sind alles keine Zeichen von Stabilität.

In Summe ein gemischtes Bild also. Wird McKinsey denn sein 100-jähriges Jubiläum noch feiern können? Oder zerreißen die internen Zentrifugalkräfte das Unternehmen?

James O. McKinsey hat sein Unternehmen 1926 gegründet. Bis 2026 sind es noch 18 Monate; die Chancen sind gut, dass eine Geburtstagsfeier stattfinden kann.


Prof. Dr. Thomas Deelmann © privat

Thomas Deelmann ist Professor für Management und Organisation an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung (HSPV) Nordrhein-Westfalen. Nach einer Verwaltungsausbildung und Wirtschaftsstudium arbeitet und forscht er seit über 20 Jahren als, für, mit und über Berater – in einem internationalen Beratungskonzern, als Beratungseinkäufer in einem DAX-Unternehmen, Projektleiter, Auftraggeber von Beratungen, Betroffener von Consulting-Projekten, Inhouse- und freier Consultant sowie in der Lehre und Forschung zur Unternehmens- und Verwaltungsberatung.

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