Manager verzichten mehr oder minder bewusst auf das Tragen von Krawatten. Diese Beobachtung ist nicht ganz taufrisch und selbst in eher konservativen Organisationen hat die Entwicklung mittlerweile Einzug gehalten. Aus dem Dresscode Business wird dann Business Casual und für alle Beschäftigten ist schon ab Montag Casual Friday.
Vielleicht setzen mit dem Verzicht auf die Krawatte Gefühle von Freiheit, Jugendlichkeit und Dynamik ein. Und vielleicht weckt der Verzicht auch managerielle Zauberkräfte. Ich kann dies nicht final bewerten. Und ich will auch Stilfragen nicht beantworten: Darf der krawattenlose Mann beim Hemd jetzt den ersten, zweiten oder sogar dritten Knopf (von oben!) öffnen? Für solche Einschätzungen gibt es tolle Expertinnen und Experten.
Aber ich möchte eine Beobachtung ergänzen. Auch Consultants verzichten vermehrt auf die Krawatte. In den letzten Tagen und wenigen Wochen wurde es wieder sehr offensichtlich: Selbst in den Fotodokumentationen für einschlägige Medienberichte (hier eine Preisverleihung, dort ein Pressegespräch und drüben ein reichweitenstarker „been-there-and-talked-with“-Post) finden sich keine Krawatten mehr, sondern nur noch – meist sehr großflächig unter dunklen Jacketts hervorblickende – helle Herrenhemden.
Der Krawattenverzicht im Consulting klingt wie eine Nebensächlichkeit („Expertise und Methoden zählen!“) und wie eine ganz normale Anpassung an die Kundenumgebung. Aber mir erscheint er durchaus erwähnenswert.
Denn: Berater haben doch sonst nichts!
Klingt krass. Ist aber so. Oder was zeigen Consultants im „People Business“ als Symbole der Arbeit und Leistung vor? Nicht viel. Ihre Kunden, also die Führungskräfte in den Kundenunternehmen, können meist Produkte präsentieren: auf einer Autoshow mit ihren Prototyen posieren, eine neue Fertigpizza anschneiden, ihr hundertstes Fitnessstudio eröffnen etc. Sie können ihr Produkt mehr oder minder elegant in Szene setzen. Und der Consultant? Trägt wohl kaum ein Deck aus PowerPoint-Folien vor sich her und lächelt damit in die Kamera.
Erschwerend kommt hinzu: Für die Kunden ist es oft schwierig, die Qualität der beauftragten Beratungsprojekte zu messen. Denn es handelt sich meist um so genannte Vertrauensgüter, deren Bewertung nicht durch eine Suche im Vorfeld (wie etwa bei einem Laptop: Bildschirmgröße und Rechenpower sind vergleichbar) oder durch Erfahrung (wie bei einem Friseurbesuch: Haare sind wieder in der gewünschten Form) erfolgen kann. Kunden müssen sich vielfach auch nach dem Projekt noch darauf verlassen, dass die Beratungsleistung eine gute Qualität hatte. Kunden müssen ihren Consultants also vertrauen.
Und noch eine weitere Beobachtung möchte ich hier ergänzen: Über die „Sie haben ja sonst nichts!“-Erkenntnis sind andere Berufsgruppen schon früher gestolpert. Was meine ich damit? Diejenigen nämlich, die das Thema „Consulting“ künstlerisch in Szene setzen müssen, greifen gerne und oft auf Krawatten zur Illustration und Kennzeichnung zurück. Ein paar Beispiele:
- Die Verkörperung von Regus Patoff durch Christopher Walz in der Serie „The Consultant“ sowie das deutsche Buchcover der Romanvorlage von Bentley Little,
- das Cover von „Die Berater-Republik“ (Hinweis: Das Buch stammt vom Autor dieses Beitrags),
- die filmische Umsetzung der Berater-Kunstfigur „Toni Erdmann“,
- die grafische Aufbereitung von „Helden, Helfer oder Halunken“, einer Besprechung von Consulting-Büchern im April 2023 im Handelsblatt,
- das Kinoplakat für „Zeit der Kannibalen“ mit Beratern als Hauptfiguren sowie
- die Illustration zum Economist-Text „Bulletproof suits“ über Consultants Ende 2022.
Hier sind überall Krawatten prominent in den Vordergrund gerückt. Sie dienen als Erkennungszeichen und Identifizierungssymbol.
Heißt das jetzt, Berater sollen wieder Krawatten tragen, um dem Bild beziehungsweise der Vorstellungswelt von Grafikern, Layoutern und anderen Kreativen zu entsprechen? Selbstredend nicht. Dann würde ja der Schwanz mit dem Hund wedeln.
Aber vielleicht mag ein kurzes Innehalten und Reflektieren hilfreich sein…
Die Kreativen arbeiten mit der Krawatte und nutzen sie nicht aus Lustlosigkeit, sondern weil sie Berater offenbar gut repräsentieren kann. Zudem ist die Krawatte ein Zeichen von Seriosität – und seriöses Auftreten schafft Vertrauen. Berater wiederum wollen ja bei ihren Kunden genau diese Überzeugung wecken und festigen. Vor diesem Hintergrund mag man durchaus überlegen, ob es clever ist, auf eines der wenigen Symbole für die Zuschreibung von Vertrauen zu verzichten, wenn man als Dienstleister Vertrauensgüter produziert – oder ob diese Unterlassung nicht ein wenig fahrlässig daherkommt.

Nun bleibt es aber glücklicherweise jedem Einzelnen überlassen: Will man eher seine Mode-Kompetenz mit einem modernen Look unterstreichen oder vertrauenerweckend erscheinen?
Für den Fall, dass die Vorteile der Krawattensymbolik gesehen werden, können die Dinger ja aus den hinteren Ecken des Kleiderschranks wieder herausgeholt, beim Kunden und auf Fototerminen getragen werden – und die Consulting-Arbeit indirekt erleichtern.
(Nachsatz: Falls sich der Berater-Erfolg aus unerfindlichen Gründen trotz getragener Krawatte doch nicht einstellen sollte, dann ist Mann zumindest kleidungstechnisch gut gerüstet für eine Zweit-Karriere als Filmposter-Model oder Lichtdouble für Christoph Waltz.)

Thomas Deelmann ist Professor für Management und Organisation an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung (HSPV) Nordrhein-Westfalen. Nach einer Verwaltungsausbildung und Wirtschaftsstudium arbeitet und forscht er seit über 20 Jahren als, für, mit und über Berater – in einem internationalen Beratungskonzern, als Beratungseinkäufer in einem DAX-Unternehmen, Projektleiter, Auftraggeber von Beratungen, Betroffener von Consulting-Projekten, Inhouse- und freier Consultant sowie in der Lehre und Forschung zur Unternehmens- und Verwaltungsberatung.
