Gamechanger in der Life-Sciences-Branche: Interview mit Jürgen Bauer, Executive Chairman bei der globalen Boutique-Beratung Tenthpin

Daniel Nerlich: Was hat es mit Ihrem Firmennamen „Tenthpin“ auf sich?

Jürgen Bauer: Tenthpin ist abgeleitet von dem zehnten Pin, der damals dem Sportkegeln zugefügt wurde und der dann letztlich zum Erfolg des Bowlings beigetragen hat. Dieser zehnte Pin hat den Unterschied gemacht und war im wahrsten Sinne der Gamechanger.

Wir sind zwar allesamt keine Profi-Bowler, aber wir wollen in unserem Segment der Gamechanger sein für unsere Kund:innen, für unsere Berater:innen sowie für die Services in unserem Themenbereich.

Daniel Nerlich: Welchen Beratungsansatz verfolgen Sie und was differenziert Sie von weiteren Marktbegleitern?

Jürgen Bauer: Wir sind eine wirklich global ausgerichtete Beratung. Das heißt nicht nur, dass wir international vertreten sind, sondern dass wir für den Kunden aus unserem globalen Team genau die richtigen Berater:innen auswählen. Wir sind auch nicht in einzelne Länder mit eigenen P&L’s aufgestellt. Als Boutique ist es uns auch wichtig, dass wir über Ländergrenzen hinweg zusammenarbeiten, um die richtige Qualität zu liefern.

Was uns sicherlich differenziert und einmalig macht, ist die Tatsache, dass wir eine Beratung mit sehr starkem Prozess-Know-how und SAP-Technologie-Schwerpunkt sind, die ausschließlich für Kunden der Life Sciences tätig ist. Wir arbeiten exklusiv für die verschiedenen Segmente der Life Sciences, wie Pharma, Biotechnologie, Healthcare, Tiergesundheit und Medizintechnik. In diesen Segmenten können wir mit sehr viel Know-how und Cross-Leverage entsprechenden Mehrwert erzielen – das Ganze kombiniert mit Jahrzehnten an SAP-Beratungserfahrung.

Jürgen Bauer, Global Chairman bei Tenthpin © Tenthpin

Daniel Nerlich: Sie bezeichnen sich als „globale Boutique“ – was verstehen Sie darunter?

Jürgen Bauer: Die Bezeichnung als Boutique hat für mich weniger mit der Größe zu tun – wir sind ja noch relativ jung am Markt und werden in der Zukunft weiter wachsen. Mit Boutique verbinden wir vor allem die Spezialisierung und den Qualitätsanspruch. Also, ich erwarte in einer Boutique kein allumfassendes Sortiment von Services für alle Kunden, sondern eine klare Ausrichtung, ein klares Profil und auch eine entsprechend hohe Qualität: Tenthpin ist die globale Boutique mit klarem Fokus auf digitale Transformation in der Life-Sciences-Industrie.

Daniel Nerlich: Auf Ihrer Homepage sprechen Sie davon, dass man bei Ihnen einen „Flavor of Swissness“ wahrnehmen kann. Auf welchen Schweizer Geschmack kann man sich einstellen, wenn man mit Ihnen arbeitet?

Jürgen Bauer: Ich habe schon in vielen Ländern gearbeitet, in verschiedenen Ländern gelebt. In der Schweiz habe ich einen speziellen positiven, pragmatischen Ansatz gefunden, Probleme zu lösen. Und dies mit einer sehr hohen Umsetzungsdisziplin und dem Anspruch an Qualität in den Details. Für uns ist das Glas ist immer halbvoll. Die Umsetzungsdisziplin, der Schweizer Qualitätsanspruch sowie die “Attention to Details” sind Teil unserer DNA.

Daniel Nerlich: Wie beschreiben Sie die Kultur bei Tenthpin?

Jürgen Bauer: Wir legen sehr viel Wert auf Kollaboration und Zusammenarbeit. Nur so können wir am Markt überleben. Zum einen ist damit die Zusammenarbeit mit unseren Kunden gemeint, mit denen wir gemeinsam die jeweiligen Projekte umsetzen. Das andere ist die Zusammenarbeit mit unseren Partnern, mit denen wir für unsere Kunden die idealen Lösungen gestalten oder die Teams mit den besten Leuten am Markt zusammenstellen. Und “last, but not least” – und umso wichtiger ist für uns – die Kollaboration im Tenthpin-Team.

Was wir überhaupt nicht sehen wollen, ist eine Ellbogenmentalität innerhalb der Firma, in der der eine gegen den anderen arbeitet. Was für uns stattdessen wichtig ist: Dass die Kollegen:innen sich gegenseitig unterstützen und miteinander arbeiten. Aufgrund der Tatsache, dass wir alle schon relativ lange am Markt sind, ist es uns besonders wichtig, dass wir Spaß bei unserer Arbeit haben. Wir betreiben kein Top-down-Management, sondern haben vielmehr ein Miteinander, wo die Ideen der einzelnen Mitarbeitenden aufgenommen und, wo immer sinnvoll, auch umgesetzt werden können.

Daniel Nerlich: Welche Mitstreiter suchen Sie, welches Profil sollten die Personen mitbringen?

Jürgen Bauer: Ein Großteil unserer Mitarbeitenden hat langjährige Erfahrung in ihren Spezialgebieten, insbesondere in der Life-Sciences-Branche. Wobei die Industrieerfahrung beim Thema Change Management sicherlich weniger wichtig ist, als zum Beispiel in der Supply-Chain-Beratung oder im R&D-Bereich.

Wir blicken in unserer Beratung weit über den Tellerrand hinaus und gestalten neue Lösungen insbesondere auch in Kooperation mit der SAP. Deshalb ist es wichtig, dass man relativ viel Know-how in SAP mitbringt. Ganz klar kommen als Anforderung noch die Kommunikationsfähigkeit sowie die DNA hinzu, zusammen zu arbeiten und mehr leisten zu wollen, als der Durchschnitt.

Inzwischen haben wir eine Größe erreicht, um auch Wachstum von unten zu generieren und stellen daher auch viele Mitarbeitende direkt von der Hochschule ein. Dabei achten wir darauf, Personen zu gewinnen, die das Interesse oder gegebenenfalls auch bereits erste Erfahrungen in der Life-Sciences-Branche mitbringen. Schließlich ist es auch wichtig, bei einer hohen Taktzahl eine hohe Qualität liefern und die “Extra Mile” gehen zu wollen.

© Tenthpin

Daniel Nerlich: Mit Blick auf ihr junges Bestehen am Markt fällt ins Auge, dass Sie in den vergangenen Jahren bereits stark auf Internationalisierung gesetzt und Offices in vielen Ländern etabliert haben. Warum gehen Sie strategisch diesen Weg?

Jürgen Bauer: Unsere Firma ist zwar erst sechs Jahre alt, aber wir alle im Team betreiben das Geschäft schon jahrelang und kennen den Markt – und dieser Life-Sciences-Markt ist grundsätzlich ein sehr internationaler. Regionen wie die USA, die Schweiz, England oder Asien sind in der Life-Sciences-Branche äußerst wichtig – da entsteht sehr viel Innovation. Es gibt sowohl große Unternehmen in den jeweiligen Branchen als auch innovative Start-ups, die neue Lösungen wie beispielsweise im Bereich der personalisierten Medizin entwickeln.

Daniel Nerlich: Was steht im Jahr 2023 auf Ihrer Agenda?

Jürgen Bauer:2023 ist für uns ein sehr spannendes Jahr. In der Zusammenarbeit mit SAP entwickeln wir schon seit einigen Jahren Co-Innovations für Themen wie Cell and Gene Therapy, Batch Release Hub oder Clinical Trials. Jetzt wollen wir einen noch größeren Schritt gehen und bauen ein neues Team auf, um das Solution-Business auszubauen – der Kick-off dazu hat vor wenigen Wochen stattgefunden. Denn es gibt einige Bereiche in der Life-Sciences-Branche, die noch nicht mit passender Unternehmenssoftware adressiert wurden: vor allem im R&D-Bereich als auch für kleinere Unternehmen wie Research Companies, Biotech Companies. Für diese entwickeln wir eigene Lösungen auf Basis von SAP, um einen Markt abzudecken, der heute noch nicht bedient wird.

Daniel Nerlich: Spannend. Und noch mal zurückkehrend zu den Profilen, die Sie suchen: Bisher haben Sie das ja sehr stark das klassische Beraterprofil gesucht. Entlang des neuen Produktbereichs rücken zunehmend Softwareentwickler & Co. in den Vordergrund?

Jürgen Bauer: Absolut, da kommen jetzt wirklich ganz neue Themen auf uns zu – Produktentwickler:innen und Softwareentwickler:innen auf unterschiedlichen Ebenen. Wir haben ein Team mit knapp 20 Mitarbeitenden in Europa aufgebaut, um dort erste Lösung zu entwickeln und das Team von hier aus weiter wachsen zu lassen. In der Zukunft wird sicherlich der große US-Markt von besonderer Bedeutung sein, weshalb wir auch dort weiter gehen werden.

Daniel Nerlich: Sie blicken auf eine langjährige Karriere im Consulting zurück und haben den Markt aus verschiedenen Perspektiven erlebt. Was ist der eine Karrieretipp, den Sie Ihrem 30-jährigen Ich an die Hand geben würden?

Jürgen Bauer: Nochmal so! Es ist sicherlich wichtig, heute genauso wie früher, dass man neugierig bleibt; dass man offen bleibt für neue Themen; dass man sich mit einem gewissen Ehrgeiz und einer Disziplin in die Tiefe eines Themas einarbeitet; dass man weiß, was man versteht, und man zugleich auch weiß, was man noch nicht versteht. Und vor allem, dass man immer gut zuhört, von seinen Kolleg:innen und seinen Kund:innen lernt und das Ganze dann intelligent verarbeitet, um möglichst selbst weiter zu kommen.

© Tenthpin

Daniel Nerlich: Wie kann man sich das vorstellen, in einem saturierten Marktumfeld eine neue Beratung zu gründen? Fällt das leicht? Gibt es da starke Hürden zu Barrieren, die man berücksichtigen muss? Ist das mal eben so getan?

Jürgen Bauer: Sicherlich nicht. Eine zusätzliche SAP-Beratung hat es am Markt nicht gebraucht, davon gibt es schon hinreichend viele. Aber ich glaube, was uns in die Karten gespielt hat, waren die starken Veränderungen am Markt und in unserer Industrie. Die Themen Technologie und Digitalisierung sind natürlich für unsere Kunden sehr wichtig geworden.

Ich denke, dass wir mit unserem Know-how den Kern des Geschäftes sehr gut verstehen. Darauf aufbauend gilt es dann mit Technologie und Prozessoptimierung einen Mehrwert zu generieren. Da ist bei unseren Kunden zuletzt ein sehr großer Bedarf entstanden ist. Zusätzlich getrieben durch die Covid-19-Pandemie.

Viele von uns beschäftigen sich seit 20, 30 Jahren mit Implementierungen oder Prozessoptimierung. Wir glauben, dass wir das Technologie-, System- und Prozess-Know-how mitbringen und mit einer starken Industriefokussierung kombinieren können. Darüber gelingt es uns, den zusätzlichen Mehrwert für den Kunden zu generieren.

Daniel Nerlich: Stichwort “Covid-19”. Es mussten sicherlich alle Beratungshäuser von jetzt auf gleich ihren Beratungsansatz umstellen. Aber hat die Pandemie auf ihr junges Unternehmen einen besonderen Impact gehabt?

Jürgen Bauer: Wir hatten das Glück, dass unsere Kundesegmente nicht so stark betroffen waren, wie zum Teil andere Industrien. Man konnte sehen, dass die Life-Sciences-Industrie systemrelevant ist. Sie hat sehr viel Potenzial, zu wachsen und sich zu verändern.

Die große Challenge für unser Team war: Wie bekomme ich die DNA ins Unternehmen, wenn ich nicht mehr die ganze Zeit vor Ort und mit meinen Kolleg:innen zusammen beim Kunden bin? Wir haben sehr stark auf das Thema Training & Learning gesetzt. Das heißt, wir haben die Tenthpin University gegründet, wo wir Mitarbeitende über Ländergrenzen hinweg mehrmals im Jahr zusammenbringen. Viele Dinge, die man eigentlich vorher virtuell gemacht hat oder virtuell machen könnte, machen wir wieder face-to-face im Rahmen der Tenthpin University. Ziel ist es, unsere Mitarbeitenden wieder zusammen zu bringen, sich kennenzulernen, gemeinsam Trainings zu absolvieren, sich weiterzuentwickeln.

Ist das der Weisheit letzter Schluss? Sicherlich nicht, aber es ist ein wichtiger Schritt und wurde bisher sehr gut angenommen.

Daniel Nerlich: Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Bauer!

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