Warum es in der Zukunft mehr Freelancer im Consultingmarkt geben wird

Junge Generationen scheinen immer stärker den Wunsch zu verspüren, selbstbestimmt und flexibel zu sein. Hat damit das über hundert Jahre alte Arbeitsmodell der Unternehmensberatung ausgedient? Um den Ruf nach mehr Lebensqualität mit der arbeits- und reiseintensiven Tätigkeit als Unternehmensberater zu vereinbaren, haben die Beratungsgesellschaften bereits reagiert und Sabbatical- und Flextime-Programme eingeführt. Neue Geschäftsmodelle versuchen nun, den Beratungsmarkt zu digitalisieren und substanzielle Innovationen zu bieten: Mehr Transparenz und geringere Kosten für Auftraggeber, mehr Flexibilität für den einzelnen Berater. Im Interview mit der CONSULTANT CAREER LOUNGE erklärt Dr. Jan Schächtele, Co-Founder und Geschäftsführer von COMATCH, warum Freelance-Modelle den Markt erobern werden.

Jan Schächtele
Dr. Jan Schächtele © COMATCH GmbH

Herr Dr. Schächtele, Sie waren jahrelang beim Branchenprimus McKinsey als Berater tätig. Wie hat sich der Beratermarkt aus Ihrer Sicht in den vergangenen Jahren verändert?
Der Wettbewerb ist insgesamt intensiver geworden. Die kleinen Boutiqueberatungen mit einem sehr starken thematischen Fokus haben an Marktanteilen gewonnen, die großen Wirtschaftsprüfer steigen wieder sehr aktiv in das Beratungsgeschäft ein und neue Spielarten basierend auf flexiblen, digitalen Ansätzen entwickeln sich. Das Resultat ist ein allgemeiner Preisdruck im Beratungsmarkt, dem sich auch die etablierten Strategieberatungen nicht komplett entziehen können.

Sie haben vor einigen Monaten COMATCH gegründet, eine Online-Plattform für Top-Managementberater und Experten. Was hat Sie zu dem Wagnis eines eigenen Startups in diesem Umfeld bewegt?
Mein Mitgründer [CCL: Dr. Christoph Hardt, ebenfalls ehemaliger McKinsey-Berater] und ich glauben, dass man mit Digitalisierung in der Managementberatung einen ähnlichen Push zu mehr Freelancern wie in anderen Dienstleistungsbereichen, zum Beispiel Grafik-Design oder IT-Beratung, herbeiführen kann. Bisher ist die Intransparenz des Marktes für freiberufliche Managementberater eine große Herausforderung für Auftraggeber und Berater. Mit einem Marktplatz, der Qualität garantiert und Suchkosten reduziert, glauben wir, für beide Seiten einen richtigen Mehrwert zu bieten.

Was wird COMATCH künftig konkret an Services anbieten? Wie funktioniert das Geschäftsmodell?
COMATCH vermittelt freiberufliche Berater an Auftraggeber. Entsprechend der Projektanfrage – ob Berater, Projektleiter, Experte oder ganzes Team – bekommt der Auftraggeber basierend auf einem Algorithmus und unserer persönlichen Erfahrung mehrere passende Profile vorgeschlagen. Zusätzlich übernehmen wir die Vertrags- und Zahlungsabwicklung und es gibt ein institutionalisiertes Feedbacksystem zur Sicherung der kurz- und langfristigen Qualität. Für diese Serviceleistungen erheben wir aufgrund unserer schlanken Prozesse nur eine Gebühr von 15 Prozent auf den Tagessatz des Beraters.

Für welche Auftraggeber kann die „digitale Unternehmensberatung“ interessant sein? Welche Situation herrscht typischerweise vor, wenn Firmen Ihren Service nutzen?
COMATCH ist für Unternehmen jeder Größe und aus unterschiedlichsten Industrien attraktiv. Wir sehen einen Schwerpunkt bei KMU’s, die sich aus Kostengründen scheuen, renommierte, große Häuser zu beauftragen und die einen besseren Zugang zum bisher relativ intransparenten Markt der freiberuflichen Beratungsfirmen bekommen wollen. Auch für Beratungsfirmen selbst, zum Beispiel zur Überbrückung kapazitativer Spitzen, ist COMATCH attraktiv. Die Situation ist meistens dieselbe: Ein Ressourcenengpass oder eine Wissenslücke muss flexibel und schnell gelöst werden.

Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass sich in den kommenden Jahren ein weiterer Trend zu Freelance-Strukturen im Markt einstellt?
Für sehr wahrscheinlich. Wenn man sich an seine Vorlesung in BWL zur Theorie der Firma erinnert, sind Marktbenutzungskosten der relevante Faktor bei der Entscheidung, ob etwas intern oder extern durchgeführt wird. Die Digitalisierung senkt die Marktbenutzungskosten und führt deshalb mittelfristig zu einem größeren Anteil an externen Aktivitäten; zum Beispiel durch Freelancer. Zusätzlich gibt es gesellschaftliche Entwicklungen, die diesen Effekt verstärken. Viele Menschen, gerade junge, haben heutzutage einen großen Wunsch nach Flexibilität und Selbstbestimmtheit.

Und was erwarten Sie: Welchen Marktanteil werden Freelance-Marktplätze für Unternehmensberater in der Zukunft einnehmen können?
Ich glaube, dass Marktplätze einen guten Anteil am Markt für freiberufliche Berater einnehmen können und auch dazu beitragen werden, diesen Markt durch Ihre Professionalität und Ausstrahlungskraft weiter auszubauen. So können hoffentlich auch Bereiche im KMU-Umfeld erschlossen werden, die bisher noch nicht so beratungsaffin sind.

Wird damit der langsame Tod der klassischen Unternehmensberatung, wie wir sie seit Gründung der ersten Strategieberatung im Jahr 1886 kennen, eingeläutet?
Nein, das glaube ich nicht. Es gibt nach wie vor Themenfelder in denen die klassische Unternehmensberatung die beste Option ist, zum Beispiel Projekte, die auf proprietäre Daten zurückgreifen, oder Projekte, in denen die Reputation der Institutionen eine wichtige Rolle spielt. Ich glaube aber, dass die klassische Beratung in Zukunft nicht mehr die erste Anlaufstelle für alle Arten von Beratungsprojekten sein wird. Hier wird der Markt differenzierter werden.

Wie sehen Sie zukünftige Karriereverläufe und Karriereperspektiven von Beratern?
Für den einzelnen Berater ergeben sich vielfältigere Karrierepfade. Man muss nicht mehr von Anfang bis Ende einer Karriere innerhalb einer Beratung bleiben, sondern hat Möglichkeiten, sich mit dem Beruf des Beraters links und rechts umzuschauen. Das kann in Richtung funktionaler Spezialisierung oder Industriefokus bei einer Boutiqueberatung gehen oder in Richtung freiberuflicher Ansätze, bei denen der Berater Sicherheit und Struktur gegen Flexibilität und persönliche Entscheidungsfreiheit eintauscht.

Warum sollte ein fest angestellter Unternehmensberater lieber Freelancer werden und sich über Ihre Plattform in Projektteams konfigurieren lassen? Damit gehen schließlich auch Risiken einher.
Es locken attraktive Verdienstmöglichkeiten. Und etwas, das man mit Geld nicht aufwiegen kann: Die Freiheit zu entscheiden, für wen, mit wem und an welchen Themen man arbeiten will. Das ermöglicht ganz neue Perspektiven: Warum nicht das halbe Jahr Projekte machen und das andere halbe Jahr in Australien surfen? Aber klar, Freelancer ist kein Selbstläufer und man muss gut sein, in dem, was man tut.

Aus Ihrer eigenen, langjährigen Erfahrung in der Top-Strategieberatung: Was möchten Sie heutigen und zukünftigen Beratern für ihren weiteren Karriereweg empfehlen? Was sind zukünftige Dos und Don’ts der Beraterkarriere?
Ich glaube, da hat sich grundsätzlich nicht viel verändert. Man ist nur dann dauerhaft erfolgreich, wenn einem die tägliche Arbeit Spaß macht und motiviert. In Zukunft gibt es aber für Berater vielfältigere Formen, wie man den Beruf des Beraters ausüben kann. Deshalb sollte man den Mut haben, zu seinen persönlichen Bedürfnissen zu stehen.


Zur Person
Bevor Dr. Jan Schächtele (33) im Oktober 2014 mit COMATCH die erste Online-Plattform, die freiberufliche Managementberater mit Auftraggebern zusammenbringt, gründete, konnte er zuvor sechs Jahre lang bei der führenden Unternehmensberatung McKinsey & Company die Beratungsbranche und die sich aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung sämtlicher Wirtschaftsbereiche ergebenden Anforderungen aus erster Hand kennenlernen. Seine Tätigkeitsschwerpunkte bei McKinsey lagen im Energiesektor sowie der Infrastruktur- und Logistikbranche, wobei der Fokus vor allem auf den Themen Nachhaltigkeit und Lean Management lag. Dr. Jan Schächtele verfügt über einen Doktortitel in Umweltökonomie der EBS Universität für Wirtschaft und Recht, Wiesbaden. Zuvor studierte er an der EBS Business School, Oestrich-Winkel – mit Abschluss als Diplom-Kaufmann – sowie an den Universitäten von Singapur und Québec, Kanada. Er ist ehemaliger Stipendiat der Stiftung der Deutschen Wirtschaft und spielte mehrere Jahre für den USC Freiburg Basketball in der 2. Bundesliga.

Ein Kommentar zu „Warum es in der Zukunft mehr Freelancer im Consultingmarkt geben wird

  1. Hallo zusammen,

    danke für das ansprechende und interessante Interview! Es ist interessant zu lesen, dass der Trend in der Zukunft im Bereich Unternehmensberatung und Strategieberatung zu mehr Freelancern tendiert. Andererseits macht es in diesem Bereich der Wirtschaft auch viel Sinn, da die meiste Arbeit als Projektarbeit stattfindet und dann natürlich Freelancer sinnvoll sind.

    Beste Grüsse,
    Marcus

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