In der Kolumne „Zweieinhalb Fragen zu…“ gibt der „Consulting-Professor“ Thomas Deelmann Einblicke zu aktuellen Themen oder generellen Trends im Beratungsmarkt. Zugespitzt und auf den Punkt.
In den letzten Jahren gab es eine Reihe von Übernahmen und Zusammenschlüssen im Consulting-Markt. Man konnte sich regelrecht an die Meldungen gewöhnen. Die angekündigte Übernahme von tkMC durch Implement lässt dann aber wieder aufhorchen. Worin liegt die Besonderheit?
Richtig, zumindest gefühlt war viel Bewegung im Markt. Wenn jetzt aber ein Unternehmen mit rund 2.000 Beschäftigten ein anderes mit 85 übernehmen will, dann ist das zwar für alle Beteiligten sicherlich aufregend und bewegend – aber im Gesamtmarkt mit in Deutschland knapp 200.000 Consultants eher eine Randnotiz. Dennoch ist die Übernahme sehr interessant, weil es keine ganz gewöhnliche ist. Hinter der Abkürzung „tkMC“ verbirgt sich thyssenkrupp Management Consulting, also die Interne Beratung des Essener Traditionskonzerns. tkMC wird von der dänischen Implement Consulting Group übernommen. Soweit ich mich erinnere, ist dies die erste größere Interne Beratung in Deutschland, die in eine externe Beratung übergeht.

Gleichzeitig ist tkMC nicht die erste Interne Beratung, die vom Markt verschwindet. Bayer hat 2024 Bayer Business Consulting im Zuge des Konzernumbaus und des Sparprogramms aufgelöst. Siemens hat im Rahmen einer Neuordnung seine Interne Beratung Siemens Management Consulting anders ausgerichtet. Unter dem Dach von Siemens Advanta werden seit 2020 auch konzernexterne Kunden beraten. Auch Porsche Consulting kann schon länger nicht mehr als reine Interne Beratung bezeichnet werden. Und dann gibt – oder gab – es Wackelkandidaten wie die BwConsulting, die Interne Beratung des Verteidigungsministeriums, die nach der Berateraffäre im BMVg unter Druck geriet – aus meiner Sicht völlig zu Unrecht – und deren Fortbestand teilweise infrage gestellt wurde.
Wollen Sie damit andeuten, dass wir ein Ende des Inhouse Consultings erleben?
Ich interpretiere das eher als durchaus normale, wenn auch prominente Entwicklungen. Aus drei Gründen komme ich zu der Einschätzung.
Erstens sind Interne Beratungen ja an beide Seiten anschlussfähig, also sowohl in Richtung Kunde als auch in Richtung Consulting-Branche. Sie sind darum mit ihrem Wissen und Kenntnissen potenziell interessante „Übernahmenkandidaten“ für die beiden Seiten. Zweitens sind sie aus Sicht der Mutterorganisation eine vergleichsweise leichte „Bewegungsmasse“, wenn etwa Personalabbauzahlen oder Einsparziele erreicht werden müssen. Man kann sie abbauen, ohne dass das Kerngeschäft direkt angegriffen wird. Das liegt daran, dass die Arbeit Interner Beratungen zwar sehr hilfreich, aber für das operative Kerngeschäft häufig nicht unmittelbar geschäftskritisch ist.
Und drittens ist zu beobachten, dass Interne Beratungen nicht nur eine Kostenstelle, sondern auch ein Instrument organisationaler Macht darstellen. Gut ausgebildete Consultants, die in den wichtigsten Projekten mitarbeiten, über sensible Informationen verfügen und flexibel von einer Aufgabe zur nächsten bewegt werden können – das kann die eine Führungskraft gut „für sich“ nutzen während eine andere darin einen unerwünschten Machtfaktor oder ein Kontrollinstrument sieht. Und wenn Letztere dann die Gelegenheit dazu bekommt, dann wird sie das möglicherweise ändern.
Ein Ende der Internen Beratung würde ich also nicht ausrufen, auch wenn hier gerade Leuchttürme der Branche zu verschwinden drohen. Aber die Beispiele vorhin stammen aus einem relativ langen Zeitraum und gleichzeitig werden auch immer wieder neue Units gegründet.
Bleibt Inhouse Consulting damit weiterhin ein attraktives Arbeitsfeld?
Ja. In vielen Internen Beratungen findet sich – wenn man so will – das Beste aus drei Welten: Die Sicherheit der großen Mutterorganisation, idealerweise die an Start-ups erinnernden Handlungsfreiräume, und die inhaltliche Abwechslung und methodische Vielfalt des Consultings.

Thomas Deelmann ist Professor für Management und Organisation an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung (HSPV) Nordrhein-Westfalen. Nach einer Verwaltungsausbildung und Wirtschaftsstudium arbeitet und forscht er seit über 20 Jahren als, für, mit und über Berater – in einem internationalen Beratungskonzern, als Beratungseinkäufer in einem DAX-Unternehmen, Projektleiter, Auftraggeber von Beratungen, Betroffener von Consulting-Projekten, Inhouse- und freier Consultant sowie in der Lehre und Forschung zur Unternehmens- und Verwaltungsberatung.

