In der Kolumne „Zweieinhalb Fragen zu…“ gibt der „Consulting-Professor“ Thomas Deelmann Einblicke zu aktuellen Themen oder generellen Trends im Beratungsmarkt. Zugespitzt und auf den Punkt.
Bei der Deutschen Bahn scheint Stellenabbau weiter ein dominierendes Thema zu sein, wenn Der Spiegel zur Bahn-Chefin Evelyn Palla notiert, sie wolle „‘Edel-Technokraten‘ das Fürchten lehren“. Ist eine personelle Verschlankung der Zentrale eine Chance für Consultants, die vielleicht entstehende Lücken zu füllen?
Das wäre kontraproduktiv und Palla würde den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Allerdings wäre die Bahn nicht das erste Unternehmen, bei dem das so läuft. Immer mal wieder kann man beobachten, dass die externen Berater als Nothelfer kommen, weil Personal abgebaut wurde – ohne jedoch Prozesse oder Aufgaben entsprechend anzupassen. Oft übernehmen auch kluge Kundenmitarbeiter klassische Consulting-Tätigkeiten selbst und Consultants springen dafür bei Linienaufgaben ein. Dieses Phänomen habe ich in einer Studie als „Rollentausch“ beschrieben.

Was mich aber an dem Zitat in der Spiegel-Überschrift überrascht, ist der Fokus auf Technokraten. Ich hätte eher einen wohlfeilen Seitenhieb auf Bürokraten erwartet.
Das müssen Sie bitte erklären.
Über die Bürokratie, also die Herrschaft der Verwaltung, wird gerne als ein starres, unflexibles und wenig kundennahes System geschimpft. Bürokratieabbau zu fordern, ist inzwischen fast zu einem Volkssport geworden. Hierzu sollte man aber wissen – und das wird leider oft unterschlagen –, dass Bürokratie auch viele Vorteile mit sich bringt: Auf die Einhaltung geltender Regeln, etwa für Einstellungen und Entlassungen oder den Neubau von Bahntrassen, wird geachtet; Entscheidungen sind nachvollziehbar und dokumentiert; Person und Funktion werden voneinander getrennt: Ich werde also nicht Bereichsleiter von X, weil ich der Cousin von Y bin. Und so weiter. Doch zurück zur eigentlichen Frage nach den Technokraten.
In einer Technokratie tragen vor allem Experten Verantwortung, die ihre Entscheidungen entlang von sachlichen und wissenschaftlichen Überlegungen treffen. Sie suchen dabei nach der aus fachlicher Sicht besten Lösung, während politische Aspekte in den Hintergrund geschoben werden. Technokraten streben also typischerweise nach der fachlich und analytisch besten Lösung und sie zeichnen sich durch ihre Qualifikation und viel Expertise aus. Das erscheint mir zunächst nicht nachteilig. Auch nicht für die Bahn.
Wen braucht es denn dann in der Konzernzentrale der Bahn? Wie sollte dort gearbeitet werden: Eher bürokratisch oder eher technokratisch?
Gut schiene mir eine ausgewogene Mischung, die auch operative Erfahrungen vor Kunde enthält; problematisch wird es aber, wenn das Unternehmen zu einer „Consultokratie“ wird.

Thomas Deelmann ist Professor für Management und Organisation an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung (HSPV) Nordrhein-Westfalen. Nach einer Verwaltungsausbildung und Wirtschaftsstudium arbeitet und forscht er seit über 20 Jahren als, für, mit und über Berater – in einem internationalen Beratungskonzern, als Beratungseinkäufer in einem DAX-Unternehmen, Projektleiter, Auftraggeber von Beratungen, Betroffener von Consulting-Projekten, Inhouse- und freier Consultant sowie in der Lehre und Forschung zur Unternehmens- und Verwaltungsberatung.
