In der Kolumne „Zweieinhalb Fragen zu…“ gibt der „Consulting-Professor“ Thomas Deelmann Einblicke zu aktuellen Themen oder generellen Trends im Beratungsmarkt. Zugespitzt und auf den Punkt.
Die Nutzung von Generativer KI scheint omnipräsent zu sein – das gilt für viele im Privaten wie im Beruf. Wenn man den Einsatz mit spitzer Feder betrachtet: Wie wirkt sich „GenAI“ in Beratungsunternehmen ökonomisch aus?
In diesem Feld ist viel Bewegung. Daher fällt es schwer, hier Aussagen mit einer gewissen Allgemeingültigkeit zu treffen. Es gibt viel zu lesen und zu hören, aber die Statements haben häufig nur anekdotischen Charakter. Zudem werden Kausalität und Korrelation nicht immer sauber unterschieden. Oder die Schauseiten-Kommunikation einer Organisation wird mit den Aktivitäten auf der Hinterbühne verwechselt. Oft kommt es auch zu einer Vermischung mehrerer dieser und weiterer Beobachtungen.
Die „11.000 Entlassungen bei Accenture“ sind für mich ein solcher Fall. Vor kurzem hieß es, diese Beschäftigten könnten nicht für KI fit gemacht werden und sollten deshalb entlassen werden. Daraus einen tiefgreifenden Wandel des Berufsbildes oder gar den Untergang der Branche abzuleiten, finde ich putzig. Zum einen ist unklar, welche Beschäftigtengruppe hier genau betroffen ist. Zum anderen kann dies schlicht ein Argument sein, um eine bereits getroffene Entscheidung gegenüber der Öffentlichkeit zu begründen. Und schließlich sind es 11.000 von 800.000 Beschäftigten – also lediglich 1,4 Prozent. Das ist wahrlich keine außergewöhnliche Größenordnung.
Ich empfehle hier, aufmerksam, kritisch und neugierig zu bleiben. Wer mag: Einfach mal versuchen, die Aussagen anhand von Gartners Hype Cycle, Kathrin Passigs „Standardsituationen der Technologiekritik“ oder dem Solow-Paradoxon einzuordnen. Dort kann man hilfreiche mentale Haltestange finden, um Entwicklungen zu relativieren.
Dazu lässt sich gut ergänzen, dass die Harvard Business Review Anfang des Monats von einer Studie zu lesen war, laut der die Nutzung von „GenAI“ die Arbeit von Wissensarbeitern nicht reduziert oder gar verschwinden lässt. Können Consultants & Co. also entspannen?
Zunächst gilt wieder meine Einschränkung von vorhin. Und dann würde ich die Aussage so pauschal nicht formulieren – die beiden Autorinnen der Studie vermutlich ebenfalls nicht. Sie notieren nämlich, dass nicht weniger gearbeitet wird, sondern sich die Arbeit sogar intensiviert. Offenbar gibt es dafür drei Gründe: Aufgabenerweiterung, verwischende Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben sowie ein Anstieg von Multitasking. Das sind alles keine neuen Phänomene, aber sie treten verstärkt und gemeinsam zutage.

In ähnlicher Ausprägung war dies auch schon bei früheren „Technologiesprüngen“ zu beobachten: Mit der Einführung von Excel wurde mehr gerechnet, mit Grafikwerkzeugen wurden mehr Grafiken produziert, und mit PowerPoint wurden mehr Präsentationsfolien erstellt. Die Quantität des Outputs ist jeweils deutlich angestiegen – ob das auch für die Qualität gilt, mag jeder selbst beurteilen.
Das sind in meinen Augen Spielarten des Jevons-Paradoxons: Die Möglichkeit, eine Ressource effizienter zu nutzen, führt zu einem Mehr an Nutzung statt zu einem Rückgang.
Die F.A.Z. berichtete vor wenigen Tagen, dass bei Accenture Beförderungen an die Nutzung von KI-Tools geknüpft werden. Macht die Beratung dann alles richtig? Holt sie, wenn man es salopp formulieren möchte, dadurch mehr aus ihren Consultants heraus?
Der Gedanke ist naheliegend. Aber wenn wir schon mit heuristischen Leitplanken arbeiten, dann führt jetzt kaum ein Weg an „Campbell’s Law“ vorbei. Es besagt, dass ein Indikator umso stärker korrumpierenden Tendenzen ausgesetzt ist, je mehr er für Entscheidungen herangezogen wird.

Thomas Deelmann ist Professor für Management und Organisation an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung (HSPV) Nordrhein-Westfalen. Nach einer Verwaltungsausbildung und Wirtschaftsstudium arbeitet und forscht er seit über 20 Jahren als, für, mit und über Berater – in einem internationalen Beratungskonzern, als Beratungseinkäufer in einem DAX-Unternehmen, Projektleiter, Auftraggeber von Beratungen, Betroffener von Consulting-Projekten, Inhouse- und freier Consultant sowie in der Lehre und Forschung zur Unternehmens- und Verwaltungsberatung.
