DANIEL NERLICH: Herr Pucken, was genau sind Ihre Aufgaben als Chief Operating Officer (COO) von Inverto?
THIBAULT PUCKEN: Die Rolle des COO ist äußerst vielseitig und hat viele Facetten. Als COO trage ich die Verantwortung für den wirtschaftlichen Erfolg in Europa und stelle sicher, dass unsere Beraterteams effizient und effektiv arbeiten können. Dabei arbeite ich als Teil eines starken Management Teams, in dem wir gemeinsam an Lösungen und der Weiterentwicklung von Inverto arbeiten. Ein Teil meiner Tätigkeit liegt weiterhin in der Kundenberatung, insbesondere im Bereich Private Equity und in der Industrie, wo ich langjährige Mandate betreue. Unsere Philosophie ist es, auch in leitenden Positionen eng am Markt und mit den Kunden verbunden zu bleiben.

Welche Aufgaben fallen konkret in Ihren Verantwortungsbereich?
Neben der Kundenarbeit liegen die Support-Funktionen wie Finanzen, Business Excellence, Marketing, IT und Wissensmanagement in meinem Verantwortungsbereich. Gemeinsam mit den Teams stellen wir sicher, dass unsere Berater bestmöglich unterstützt werden. Zudem bin ich als Business Development Chair dafür verantwortlich, dass unsere Industrie- und Themenpraxisgruppen die richtigen kommerziellen Rahmenbedingungen erhalten und diese zielführend anwenden. Mein Ziel ist es, eine optimale Balance zwischen strategischer Steuerung und operativer Exzellenz sicherzustellen.
Sie haben ein sehr breites Aufgabenspektrum. Würden Sie sich als „Spinne im Netz“ innerhalb des Unternehmens bezeichnen?
Diese Metapher ist sicherlich nicht ganz von der Hand zu weisen. Die Herausforderung und zugleich der Reiz dieser Position liegen in der Vielseitigkeit und dem notwendigen ganzheitlichen Geschäftsverständnis. Das ist besonders wichtig, da wir sehr teamorientiert arbeiten und flache Hierarchien im Unternehmen haben. Herausforderungen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, erfordert ein gewisses Maß an Flexibilität, gleichzeitig schafft es Raum für Lösungen. Es gibt kaum Routinen, dafür viele spannende Projekte, was die Position besonders interessant macht.
Bitte beschreiben Sie das Portfolio von Inverto näher. Welche Services bieten Sie an?
Inverto unterstützt Unternehmen dabei, den Einkauf und das Supply Chain Management zu optimieren. Spätestens seit der Corona-Pandemie und den nachfolgenden globalen Disruptionen sind diese Themen und ihre Bedeutung für den Geschäftserfolg im Fokus der Unternehmensführung. Der Einkauf ist nicht nur der größte Kostenblock, er trägt auch wesentlich zum Unternehmenserfolg bei. Unsere Projekte reichen vom Risikomanagement über die Resilienz von Lieferketten bis hin zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit, Nachhaltigkeit und ESG-Strategien sowie zur Optimierung und Digitalisierung von Einkaufsorganisationen.
Was zeichnet Ihren Beratungsansatz dabei aus Ihrer Sicht besonders aus?
Wir bieten einen umfassenden „End-to-End“-Ansatz. Das bedeutet, dass wir exzellente strategische Beratung mit einer tiefen Umsetzungskompetenz kombinieren. Wir verbinden Top-Down- mit Bottom-Up-Perspektiven, so dass wir nicht nur Konzepte entwickeln, sondern diese auch nachhaltig umsetzen. Das erfordert nicht nur Branchenexpertise, sondern vor allem auch die richtigen Teams und Menschen, die sich für den Erfolg unserer Kunden entschieden einsetzen.

Und warum fühlt es sich aus Kundensicht spürbar anders an, mit Inverto und nicht mit Ihren geschätzten Mitbewerbern zu arbeiten?
Die Rückmeldungen unserer Kunden sind eindeutig: Sie schätzen uns als echte Experten, die sowohl eine breite als auch eine tiefe Fachkompetenz im Einkauf mitbringen. Wir sind nicht nur Impulsgeber, sondern agieren als Sparringspartner auf Augenhöhe. Zudem legen wir großen Wert auf eine partnerschaftliche Zusammenarbeit und verstehen uns als Teil des Kundenteams.
Ein weiterer Vorteil ist unsere Zugehörigkeit zur Boston Consulting Group (BCG). Unsere Kunden schätzen die strategische Sichtweise – im Einkauf, aber auch darüber hinaus in anderen Themengebieten. Gleichzeitig wollen Sie auch einen Partner für die Umsetzung und das am besten alles aus einer Hand – das bekommen sie von uns.
Sie sprechen die enge Verflechtung von Inverto und BCG an. Wie ist in diesem Zusammenhang Ihre Einschätzung: Nähert sich das Beratungsmodell von BCG eher Inverto an oder ist es umgekehrt?
Weder noch. Ein interessanter Kommentar eines Vorstands eines großen europäischen Unternehmens war, dass M&As insbesondere im Consulting-Bereich nicht immer von Erfolg gekrönt sind, unseres aber schon. Und das liegt daran, dass wir ein zusätzliches Angebot mitbringen, das es in dieser Form und Kombination vorher bei BCG nicht gab. Das ist eines der „Magic Ingredients“, die das Erfolgsmodell ausmachen: keine Angleichung, sondern eine ergänzende Zusammenarbeit. Und die funktioniert in unserem Fall außerordentlich gut.

Als COO haben Sie die operative Exzellenz Ihres Unternehmens im Blick. Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Beratungsprozesse stetig verbessert werden?
Das betrifft viele Bereiche. Drei möchte ich beispielhaft herausgreifen. Zunächst ist die Organisationsstruktur wichtig. Unsere Ausrichtung nach Branchen und Themen fördert individuelle und maßgeschneiderte Angebote für unsere Kunden. Gleichzeitig bietet dies unseren Beratern eine tolle Karriereplattform, in der man sich ständig weiterbildet.
Zweitens steigern wir Jahr für Jahr unsere Investitionen – in Mitarbeitende, in Trainings aber auch in Technologie. Als Teil der BCG haben wir frühzeitig Zugang zu innovativen Technologie-Infrastrukturen. Beispielhaft konnten wir dadurch KI-Anwendungen im Einkauf frühzeitig entwickeln und direkt unseren Kunden vorstellen. Hier hilft natürlich auch die Zusammenarbeit mit BCG X, der Tech- und Innovationseinheit von BCG, die weltweit führend ist.
Der dritte Punkt betrifft unsere Unternehmenskultur, in der Feedback besonders wichtig ist: regelmäßiges, ehrliches und anonymes Feedback auf allen Ebenen, von Projektteams bis zu internen Prozessen.
Können Sie uns einen Ausblick auf die nächsten Jahre geben? Welche Rolle wird Technologie, insbesondere generative KI, in der Beratungsleistung spielen?
Technologie ist im Einkauf kein neues Thema. Inverto wurde bereits vor 25 Jahren mit einer eigenen Technologielösung gegründet, einem Source-to-Contract-Tool als einem Element zur Umsetzung der Beratungsleistung. Technologie ermöglicht es uns heute immer effizienter zu agieren – sei es in der Datenanalyse, Visualisierung oder Recherche. Gleichzeitig erfordert dies qualifizierte Mitarbeitende und die richtige Datenbasis. Generative KI bringt uns schnell auf 80 %, aber die Herausforderung ist, die restlichen 20 % zu erreichen, denn dort liegt die eigentliche Beratungsqualität. KI ist ein wertvolles Werkzeug, aber kein Ersatz für fundierte menschliche Expertise.
Wird sich dadurch die Kundenerwartung ändern? Wird in Zukunft nur noch die Veredelung von KI-generierten Ergebnissen gefragt sein?
Generative KI demokratisiert Innovation. Aber die Frage ist: Wer hat die bessere Datenbasis? Viele Mittelständler stehen hier noch vor Herausforderungen, während Konzerne längere Erfahrung mit Datenstrukturen haben. KI macht Beratung nicht überflüssig, sondern verändert nur das Ausgangsniveau, von dem aus alle agieren.

Inverto hat bereits vor BCG eigene digitale Tools entwickelt und damit „asset-based Consulting“ angeboten. Arbeiten Sie an diesen weiter, um Ihr Geschäft zukünftig weniger von Tagessätzen abhängig zu machen und mehr auf Lizenzgebühren zu setzen?
Wir sind und bleiben eine Beratung und kein Technologieanbieter. Daher haben wir auch entschieden, Technologie primär als Enabler für unsere Beratungsprojekte zu verstehen und hier unglaublich starke Lösungen entwickelt. Diese klare Positionierung wird auch von unseren Kunden geschätzt, wenn wir digitale Lösungen und Roadmaps diskutieren, da so Interessenkonflikte gar nicht erst entstehen können.
Was muss man tun, um in der Beratung die Rolle des COO zu erreichen? Welche Kompetenzen sind erforderlich?
Es gibt kein Standardrezept. Es braucht eine unternehmerische Perspektive, die über klassische Beratungskompetenzen hinausgeht. Führungserfahrung, Team-Play, strategisches Denken und ein klares Verständnis für operative Exzellenz sind zentrale Bausteine. Man sollte Freude am Gestalten von Strukturen und Prozessen haben. Authentizität und die Fähigkeit, sich auf unterschiedliche Menschen und Situationen einzustellen, hilft neben der wirtschaftlichen auch die kulturelle Weiterentwicklung des Unternehmens zu treiben. Aber am Ende spielt auch das Timing eine Rolle: Man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Pucken!
