“Unabhängigkeit ermöglicht uns, unsere Strategie und Kultur nachhaltig zu gestalten“ – Interview mit Matthias Loebich, dem neuen Managing Partner von BearingPoint

Daniel Nerlich: Herr Loebich, Sie sind seit 26 Jahren für BearingPoint tätig und bereits seit dem Jahr 2007 Partner im Unternehmen. Nun wurden Sie Ende letzten Jahres zu BearingPoints neuem globalen Managing Partner ernannt. Hätten Sie vor einem Jahr erwartet, dass es so kommen würde?

Matthias Loebich: Die Staffelübergabe von Kiumars Hamidian, der das Unternehmen seit 2018 erfolgreich geführt hat, war sorgfältig geplant und der Kreis der potenziellen Kandidaten überschaubar. Trotzdem bleibt es ein demokratischer Prozess innerhalb der Partnerschaft, bei dem eine Mehrheit notwendig ist. Ich freue mich sehr, dass ich im November zum Managing Partner gewählt wurde und das Vertrauen der Partnerschaft gewonnen habe. Es ist eine große Verantwortung, die ich mit viel Engagement annehme.

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Daniel Nerlich: Können Sie ungefähr sagen, wie viele Kandidaten zur Wahl standen?

Matthias Loebich: Es war sicherlich eine Handvoll Kandidaten, die für diese Position infrage kamen. Der Auswahlprozess war intensiv und spiegelte die hohen Erwartungen an diese Rolle wider. Die Wahl zum Managing Partner ist ein bedeutender Meilenstein, und ich bin dankbar für das Vertrauen meiner Kolleginnen und Kollegen.

Daniel Nerlich: Mit welchen persönlichen Erwartungen treten Sie Ihr neues Amt an?

Matthias Loebich: BearingPoint hat sich in den letzten 15 Jahren sehr erfolgreich entwickelt, und mein Ziel ist es, diese Erfolgsgeschichte fortzusetzen. Wir wollen unabhängig bleiben und gleichzeitig neue Akzente setzen, sei es in der Marktpositionierung, der Kundengewinnung oder im Umgang mit neuen Technologien wie KI. Besonders wichtig ist es mir, unsere Stärken im Markt sichtbarer zu machen und innovative Lösungen für unsere Kunden zu entwickeln.

Daniel Nerlich: Was hat sich für Sie persönlich seither verändert: Haben sich Ihre Kolleginnen und Kollegen Ihnen gegenüber anders verhalten?

Matthias Loebich: Ehrlich gesagt, nein. Ich bin seit vielen Jahren im Unternehmen und kenne viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gut. Meine Persönlichkeit hat sich nicht verändert, auch wenn mein Terminkalender jetzt deutlich voller ist und neue Themen enthält. Aber ich bleibe derselbe Mensch.

Daniel Nerlich: Als Global Managing Partner stehen Sie stärker im Rampenlicht. Wie definieren Sie Ihren Führungsstil?

Matthias Loebich: Ich lege großen Wert auf Teamarbeit und delegiere Verantwortung gerne an mein Team. Mikromanagement liegt mir fern, da unsere Mitarbeitenden erfahren genug sind, um Prioritäten selbst zu setzen. Mein Fokus liegt darauf, die übergeordneten Prioritäten zu definieren und ihre Umsetzung sicherzustellen. Unser Management Committee spielt dabei eine zentrale Rolle.

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Daniel Nerlich: Wie schaffen Sie es, dass Ihre Vision auch bis in die hintersten Winkel Ihres Teams strahlt?

Matthias Loebich: In den letzten Wochen haben wir im Management Committee intensiv an der Strategie 2030 gearbeitet. Wir entwickeln gerade die Initiativen zur Umsetzung und planen eine umfassende Kommunikationsstrategie. Persönlicher Austausch ist mir besonders wichtig, daher war ich bei mehreren Kick-off-Veranstaltungen in verschiedenen Ländern präsent. Die Strategie muss verstanden und gelebt werden – das ist ein kontinuierlicher Prozess.

Daniel Nerlich: Können Sie uns bereits einige Eckpfeiler der Strategie 2030 verraten?

Matthias Loebich: Unser Ziel ist es, weiter zu wachsen und uns noch globaler aufzustellen. Wir wollen uns durch innovative Themen, Lösungen und eigene Produkte differenzieren. Zudem planen wir Investitionen im Bereich M&A und Joint Ventures, um unser Wachstum zu sichern. Besonders der Ausbau unseres Intellectual-Property- und Produktportfolios wird eine zentrale Rolle spielen.

Daniel Nerlich: Sie sagen es, BearingPoint ist auch für erfolgreiche Joint Ventures und den Products-Bereich bekannt. Können Sie uns einige Hintergründe schildern?

Matthias Loebich: Die Gründung von Arcwide war ein Meilenstein. Wir starteten mit 70 Mitarbeitenden und sind inzwischen auf über 500 gewachsen. Durch mehrere Akquisitionen haben wir unsere Marktposition gestärkt und sehen weiterhin großes Potenzial. Joint Ventures ermöglichen uns, unser Geschäft zu skalieren und gemeinsam mit Partnern erfolgreich zu sein.

Daniel Nerlich: Ihr Products-Bereich ist ebenfalls bemerkenswert. Wird er ein wichtiger Bestandteil Ihrer Wachstumsstrategie sein?

Matthias Loebich: Absolut. Unsere Kombination aus Management- und Technologieberatung war anfangs schwer zu vermitteln, doch mit der Digitalisierung wurde unsere Positionierung zum Vorteil. Unser Products-Bereich ist ein wichtiger Innovationsmotor und wird uns auch künftig helfen, maßgeschneiderte Lösungen für unsere Kunden zu entwickeln. Allein im letzten Jahr ist unser Products-Bereich um 23% gewachsen und wir planen auch für die nächsten Jahre ein zweistelliges Wachstum.

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Daniel Nerlich: Im Consulting-Markt schlagen immer mehr Private-Equity-Investoren zu und statten Beratungshäuser mit Kapital aus, um weiteres Wachstum zu ermöglichen. Warum wird BearingPoint einen anderen Weg einschlagen und weder einen IPO an der Börse vornehmen noch einen Verkauf in Richtung PE erwägen?

Matthias Loebich: Die Integration verschiedener Kulturen und Portfolios ist komplex. Unsere langjährige Erfahrung, internationale Präsenz und Flexibilität bieten einen klaren Vorteil. Wir sind groß genug für bedeutende Projekte, aber auch flexibel und individuell genug, um maßgeschneiderte Lösungen zu bieten. Unabhängigkeit ermöglicht uns, unsere Strategie und Kultur nachhaltig zu gestalten.

Daniel Nerlich: Es gibt nicht viele Unternehmensberatungen mit einem Umsatz von über einer Milliarde Euro, die weiterhin unabhängig sind. Die meisten sind börsennotiert oder haben Private-Equity-Investoren im Hintergrund. Gibt es für eine inhabergeführte Partnerschaft in dieser Größenordnung eine tragfähige Positionierung? Ist es mit dieser Governance-Struktur realistisch, sich in den kommenden Jahren auf zwei Milliarden Euro Umsatz zu verdoppeln?

Matthias Loebich: Das ist ein ehrgeiziges Ziel, aber keineswegs unrealistisch. Der Beratungsmarkt bietet uns ausreichend Potenzial für weiteres Wachstum, ohne dass wir Kompromisse bei unserer Unabhängigkeit eingehen müssen. Wir sind groß genug, um als ernstzunehmende Alternative zu den ganz großen Beratungsunternehmen wahrgenommen zu werden. Gleichzeitig schätzen viele Kunden unseren flexiblen, partnerschaftlichen Ansatz, der individuelle Lösungen bietet und nicht von kurzfristigen Quartalszielen getrieben ist. Diese Mischung aus Größe, Erfahrung und Flexibilität wird uns helfen, auch ambitionierte Wachstumsziele zu erreichen.

Daniel Nerlich: Ihre Vorgänger, Kiumars Hamidian sowie Peter Mockler, haben BearingPoint seit dem Management-Buyout im Jahr 2009 jedes Jahr zu profitablem Wachstum führen können. Wie blicken Sie auf die Fußstapfen, die hinterlassen wurden?

Matthias Loebich: Ich bin lange genug Partner und war viele Jahre im Management Committee aktiv. Daher habe ich viele Entscheidungen mitgetragen und mitgestaltet. Nach dem Management-Buyout, inmitten der Finanzkrise, lag der Fokus zunächst auf Stabilität und der Definition unserer Richtung. Die bewusste Entscheidung für eine globale Partnerschaft war entscheidend, um länder- und segmentübergreifend erfolgreich zu agieren. In diesem Kontext haben wir unter der Leitung von Peter Mockler gezeigt, dass wir als unabhängige Partnerschaft äußerst resilient und anpassungsfähig sind und auch unter schwierigen Rahmenbedingungen aus eigener Kraft wachsen können.

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Diese Basis hat das Wachstum ermöglicht, das mein Vorgänger Kiumars Hamidian mit klugen Entscheidungen, wie dem Spin-off unseres RegTech-Geschäfts, weiter vorangetrieben hat. Der Spin-off verschaffte uns den finanziellen Spielraum für Investitionen und ein beschleunigtes Wachstum. In diesem Zusammenhang war auch die Gründung unseres ersten Joint Ventures, Arcwide, im Jahr 2022 ein wichtiger Schritt. Unter Kiumars haben wir während der COVID-Pandemie ebenfalls wieder unsere Resilienz und schnelle Anpassungsfähigkeit erfolgreich unter Beweis gestellt und im Jahr 2023 den Meilenstein von einer Milliarde Umsatz erreicht.

Den Wachstumskurs meiner beiden Vorgänger setzen wir nun im Rahmen der Strategie 2030 weiter fort.

Daniel Nerlich: Und welche Überschrift steht über der nächsten Phase des Wachstums?

Matthias Loebich: Ja, wir stehen vor einer neuen Wachstumsphase, deren Leitmotiv wir in den kommenden Wochen definieren werden. Unsere bisherigen Investitionen und die globale Ausrichtung sind eine starke Basis, die wir nun weiter ausbauen werden. Themen wie Künstliche Intelligenz werden unsere Arbeit und den Beratungsansatz verändern. Zudem wollen wir unsere internen Synergien stärken und in Ökosysteme und Joint Ventures investieren, um Innovation und Wachstum voranzutreiben.

Daniel Nerlich: Neben Ihrem Einsatz für BearingPoint haben Sie sich bis zuletzt als Vizepräsident im Vorstand des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberatungen (BDU) engagiert. Wie ist Ihre Einschätzung zu aktuellen Entwicklungen des Gesamtmarktes? Welche Maßnahmen sollten Unternehmensberatungen heute treffen, um auch in 5-10 Jahren erfolgreich zu sein?

Matthias Loebich: Beratung wandelt sich stetig – früher waren Methodik und Projektstruktur entscheidend, heute zählen tiefes Fach- und Branchenwissen sowie innovative Lösungen. Zuhören und in Lösungen denken sind Schlüsselfähigkeiten, die auch in Zukunft bleiben werden. Künstliche Intelligenz wird vieles vereinfachen, aber die menschliche Komponente in der Analyse und Transformation bleibt essenziell. Vertrauen und Vermittlungsfähigkeit werden weiterhin entscheidend für den Erfolg in der Beratung sein.

Daniel Nerlich: Sie sind seit 1998 bei BearingPoint beziehungsweise der Vorgesellschaft KPMG Consulting. Wie bewahren Sie sich auch heute noch einen frischen, unverstellten und zukunftsweisenden Blick?

Matthias Loebich: Der direkte Austausch mit Kunden und unseren Teams vor Ort gibt mir einen guten Überblick über aktuelle Trends und Herausforderungen. Zudem hilft der regelmäßige Dialog mit Kollegen, Marktanalysten und das Beobachten von Branchentrends, um Impulse zu erhalten. Ich setze auf ein offenes Visier und den ständigen Blick über den Tellerrand, um relevante Entwicklungen frühzeitig zu erkennen.

Daniel Nerlich: Welche Kompetenzen, Entscheidungen, Verhaltensweisen und vielleicht auch glücklichen Umstände müssen zusammenkommen, damit eine vergleichbar bemerkenswerte Karriere im Consulting wie Ihre gelingen kann?

Matthias Loebich: Neugierde und die Bereitschaft, jeden Tag etwas Neues zu lernen, sind essenziell. Der Spaß an der Arbeit und der Austausch mit inspirierenden Menschen fördern kreatives Denken. Zuhören, gemeinsam Lösungen entwickeln und proaktiv Themen vorantreiben sind weitere wichtige Fähigkeiten. Geduld und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, sind ebenfalls entscheidend, auch wenn ein solcher Karriereweg nicht planbar ist.

Daniel Nerlich: Die Rolle eines Global Managing Partners ist nicht nur „vergnügungssteuerpflichtig“. Warum haben Sie sich entschieden, diese anspruchsvolle Rolle zu übernehmen?

Matthias Loebich: Die neue Rolle bietet die Möglichkeit, Impulse zu setzen und die Zukunft von BearingPoint aktiv zu gestalten. Durch meine vielfältigen Rollen im Unternehmen kenne ich viele Perspektiven und Herausforderungen. Dieses breite Verständnis hilft mir, als Managing Partner die richtigen Entscheidungen für unsere Weiterentwicklung zu treffen.

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Daniel Nerlich: Haben Sie konkrete Wünsche an Ihr Team?

Matthias Loebich: Wir haben ein starkes Team, das bereits bewiesen hat, dass Erfolg auf vielen Schultern ruht. Ich wünsche mir, dass dieses Engagement und die Zusammenarbeit auch in herausfordernden Zeiten bestehen bleiben. Unser Teamgeist war in der Vergangenheit ein Erfolgsfaktor, und ich bin sehr zuversichtlich, dass wir gemeinsam weiterhin erfolgreich sein werden. Die Unternehmenskultur, das Miteinander und der Teamgeist bei BearingPoint sind besonders; auch unsere Kunden geben uns dies immer wieder als Feedback. Diesen Spirit möchte ich weitertragen.

Daniel Nerlich: Haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch und viel Erfolg!

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