DANIEL NERLICH: Frau Hilbring, Sie haben bei Inverto eine beeindruckende Karriere hingelegt – von der Praktikantin bis zum Managing Director. Was waren Ihrer Meinung nach die entscheidenden Erfolgsfaktoren für diesen Weg?
SIMONE SOFIA HILBRING: Vielen Dank. Rückblickend sehe ich zwei zentrale Elemente: einen starken Willen und einen Kontext, der zu mir gepasst hat. Schon als junge Frau wusste ich, dass ich eines Tages ein Unternehmen leiten wollte. Bei Inverto haben die Werte und die Kultur von Anfang an mit meinen eigenen Vorstellungen harmoniert. Das war ein großer Glücksfall. Hinzu kamen Menschen, die mich gefördert haben – Schüsselfiguren, denen ich noch heute vertraue.

Gab es auf Ihrem Weg „Momente der Wahrheit“ – kritische Situationen, die besonders entscheidend waren?
Definitiv. Ein Beispiel aus meiner Anfangszeit: Als junge Beraterin hatte ich große Schwierigkeiten mit einem Projektmanager. Damals war ich 24 Jahre alt und hatte noch nicht das Selbstvertrauen, das ich einige Jahre später hatte. Ich dachte ernsthaft darüber nach, aufzuhören. Eine Vertrauensperson aus dem Unternehmen hat mich damals sehr unterstützt – das war entscheidend. Solche Momente prägen und stärken einen.
Später, kurz vor meiner Beförderung zur Managing Director, gab es ähnliche Schüsselsituationen, in denen ich mich beweisen musste. Beispielsweise erhielt ich Unterstützung von einem Top-Partner, der mich für diese Rolle empfahl. Solche Schubser sind wichtig, aber sie funktionieren nur, wenn die eigene Leistung stimmt.
Wie wichtig sind die ersten Jahre für eine erfolgreiche Karriere in der Beratung?
Sehr wichtig. Die ersten fünf Jahre legen den Grundstein, und etwa ein bis zwei Jahre vor der Partnerschaft gibt es oft eine weitere entscheidende Phase. Das sind die Kristallisationspunkte, in denen sich entscheidet, wie weit der Weg gehen kann.

Vor Kurzem fand bei Ihnen die „Female Impact Week“ statt. Können Sie uns mehr darüber berichten?
Die „Female Impact Week“ richtet sich an junge Talente, die eine Karriere in der Beratung anstreben. Es handelt sich um eine Woche voller Events, Keynotes und Workshops, die nicht nur Einblicke in den Beruf geben, sondern auch eine Plattform für Austausch und Inspiration bieten. Besonders wichtig ist uns, jungen Frauen zu zeigen, dass sie diese Karrierewege gehen können – oft fehlt ein Vorbild, um sich das vorzustellen. Wenn man 20 talentierte Frauen in einem Raum versammelt und über Karrierethemen spricht, entsteht eine unglaubliche Dynamik.
Als Mann, der noch nie an einer „Female Impact Week“ teilgenommen hat, stelle ich mir die Frage: Was wird in solchen Treffen konkret thematisiert? Können Sie uns Einblicke geben?
Es geht unter anderem darum, wie man sich gegenseitig stärkt und typische weibliche Stärken besser sichtbar macht, die im Berufsalltag oft unterrepräsentiert sind. Wir diskutieren aber auch, wie sich die Branche verändern muss und welche Verantwortung jede Einzelne dabei hat. Letztlich geht es darum, dass Frauen in allen Phasen ihrer Karriere ein Selbstverständnis entwickeln, dass sie ihre Ziele erreichen können – mit Familie oder ohne.
Welche Rolle spielen Sie als weibliche Führungskraft bei Inverto in diesem Kontext?
Als Managing Director bin ich natürlich ein sichtbares Vorbild, aber das allein reicht nicht aus. Ich betone stets, dass jede Mitarbeiterin, unabhängig von ihrem Karrierestadium, eine Vorbildfunktion hat. Es ist wichtig, dass wir Frauen unsere Verantwortung erkennen, aktiv gestalten und sichtbar werden. Die Strukturen sind häufig noch von traditionellen Rollenbildern geprägt, und Unternehmen wissen häufig nicht, wie sie diese nachhaltig ändern können. Hier sind wir Frauen gefordert, diese Prozesse aktiv mitzugestalten.
Gibt es bei Inverto Maßnahmen, die speziell Frauen in ihrer Karriereförderung unterstützen?
Ja, insbesondere flexible Arbeitszeitmodelle, die allen Mitarbeitenden – Müttern wie Vätern – zugutekommen. Aber die größte Herausforderung bleibt die Veränderung von Denkweisen. Viele Führungskräfte stammen aus Generationen, in denen klassische Rollenbilder noch tief verankert sind. Das ändert sich erst mit den jüngeren Generationen, die andere Prägungen mitbringen. Auch hier braucht es einen klaren Fokus und eine offene Diskussion, denn vielen Führungskräften ist nicht bewusst, dass es diese Prägungen gibt und wie sie Handeln und Entscheidungen beeinflussen.
Sie haben die Initiative „Women at Inverto“ ins Leben gerufen. Was erwartet Frauen, die daran teilnehmen?
Unser Ziel ist es, eine Karriereplattform zu schaffen, die Frauen kontinuierlich unterstützt. Wir möchten, dass Frauen eine Karriere in der Beratung als ebenso selbstverständlich ansehen wie Männer – auch wenn sie sich für eine Familie entscheiden. Es geht darum, dieses „Entweder-oder“ aus den Köpfen zu bekommen. Frauen sollen sich frei entfalten können, ohne das Gefühl, sich zwischen Karriere und Familie entscheiden zu müssen.
Inwiefern hat die Corona-Pandemie in diesem Zusammenhang einen Einfluss gehabt?
Corona hat unser Leben nachhaltig verändert und neue Möglichkeiten geschaffen, auch für Eltern in der Beratung. Obwohl die Reisetätigkeit wieder zugenommen hat, hat sich das Mindset verändert. Dieser Wandel wäre ohne Corona in dieser Geschwindigkeit nicht möglich gewesen.
Wenn Sie Ihre Karriere in der Beratung mit einer hypothetischen Laufbahn in der Industrie vergleichen: Wäre Ihr Aufstieg dort genauso schnell verlaufen?
Vermutlich nicht. Die Industrie ist weniger leistungsgetrieben, wenn es um Beförderungen geht. Oft spielen dort Verfügbarkeiten und Hierarchien eine größere Rolle. In der Beratung dagegen wird Leistung direkter belohnt. Das macht den Karriereweg schneller, erfordert aber auch eine hohe Dynamik und Belastbarkeit.
Was braucht es noch, um Chancengleichheit im Consulting zu fördern?
Es braucht Strukturen und ein klares Signal des Unternehmens, dass Chancengleichheit gewollt ist. Gleichzeitig liegt viel Verantwortung bei den Frauen selbst. Frauen müssen ihre Chancen nutzen. Sie sollten Freiräume einnehmen, wenn sie entstehen, mutig Verantwortung übernehmen und führen. Meine Erfahrung zeigt, dass männliche Führungskräfte offen sind, wenn Frauen sich einbringen. Aber Frauen müssen dann auch bereit sein und handeln, anstatt auf eine Einladung zu warten.

Glauben Sie, dass Wirtschaftskrisen und die damit verbundene Fokussierung auf Kosten Initiativen rund um Diversity ausbremsen?
Nein, das sehe ich nicht. Chancengleichheit ist strategisch zu bedeutend, um sie zu vernachlässigen. Es ist mittlerweile ein Qualitätsmerkmal für Unternehmen, auch in Führungspositionen Vielfalt zu zeigen.
Sie waren die erste Frau in der Partnerschaft von Inverto. Wie haben Sie diesen Schritt erlebt?
Da ich seit über 12 Jahren bei Inverto bin, war ich tief in der Unternehmenskultur verwurzelt. Mein Aufstieg war das Ergebnis harter Arbeit und Leistung. Ich habe nie das Gefühl gehabt, eine Quotenfrau zu sein. Das Vertrauen und die Zusammenarbeit im Team geben mir bis heute ein starkes Gefühl der Sicherheit.
Wann glauben Sie, sehen wir ein 50/50-Verhältnis von Männern und Frauen in Consulting-Partnerschaften?
Das wird noch dauern, vielleicht ein Jahrzehnt. Der Wandel ist ein langsamer Prozess. Inzwischen haben wir im Entry-Level 50 Prozent Female Share erreicht, doch es wird noch dauern, bis diese Generation das Management-Level erreicht. Aber ich bin optimistisch, dass die Branche hier kontinuierlich Fortschritte macht.
Frau Hilbring, vielen Dank für das Gespräch.
Quelle Titelbild: Inverto

