In der Kolumne „Zweieinhalb Fragen zu…“ gibt der „Consulting-Professor“ Thomas Deelmann Einblicke zu aktuellen Themen oder generellen Trends im Beratungsmarkt. Zugespitzt und auf den Punkt.
In den letzten Monaten konnte die Branche verschiedene Übernahmen und Zusammenschlüsse erleben. Dabei war dann oft von einer „Konsolidierung“ die Rede. Was bedeutet das?
Das habe ich mich auch gefragt. Der Begriff Konsolidierung stammt aus dem Finanz- und Haushaltswesen. Er wird genutzt, wenn etwa die Verschuldung zurückgedrängt wird. Oder wenn verschiedene Einzelgrößen zu einer Gesamtgröße zusammengefasst werden, beispielsweise eine Konzernbilanz.
Mir scheint es, als würde im Rahmen von Übernahmen der Begriff zur Beschreibung eines Zusammenlegens oder Vereinigens genutzt. Und dann ist eine Aussage wie „Die Übernahme von Beratung A durch Beratung B ist Zeichen einer Konsolidierung“ recht inhaltsleer.
Es könnte aber auch sein, dass von Konsolidierung gesprochen wird, um eigentlich eine steigende Marktkonzentration zu beschreiben. Also etwa so: „Die Konsolidierung (Konzentration) des Beratungsmarktes setzt sich fort.“ Die Marktkonzentration ist eine Beschreibung für die Verteilung von Marktanteilen auf eine Gruppe von (großen) Unternehmen. Sowas ist im Beratungsmarkt aber kaum sichtbar. Dazu kann man sich die Daten des BDU anschauen: 2023 waren 0,7 Prozent aller Beratungen in der höchsten Umsatzklasse einsortiert und auf sie entfielen 47 Prozent aller Umsätze. 20 Jahre zuvor waren 0,3 Prozent in der Topklasse einsortiert und haben die Hälfte der Umsätze generiert. Heute vereinigt also ein deutlich größerer Anteil von Unternehmen – der wiederum auch eine größere absolute Zahl repräsentiert –einen sogar leicht gesunkenen Anteil des Marktes auf sich. Eine Marktkonzentration sieht für mich anders aus.
Aber vielleicht haben wir es ja mit einer Art „gefühlter steigender Marktkonzentration“ zu tun?
OK, dann bleiben wir einmal im Modus der kritischen Betrachtung. Vor einigen Tagen hat das US-amerikanische Beratungshaus AlixPartners die Übernahme von Berylls bekannt gegeben. Das Echo und die Reaktionen danach waren positiv, es war sogar von einem „Big Bang“ die Rede. Zu Recht?
Stimmt, die Zuschreibung tauchte an verschiedenen Stellen auf. Wenn alles gut geht und die Behörden zustimmen, dann übernimmt AlixPartners 160 Mitarbeitende und wächst nach eigenen Angaben in DACH auf über 400. Für die Region habe ich keine (Achtung!) konsolidierten Zahlen und der genaue Länder-Split der Berylls-Beschäftigten wird nicht kommuniziert. Aber selbst wenn wir der Einfachheit halber so tun, als würde sich alles nur auf Deutschland beziehen, dann hat Alix 160 von über 230.000 Mitarbeitenden in der Beratungsbranche übernommen. Das sind nicht mal 0,07 Prozent. Und die 400 Mitarbeitende insgesamt entsprechen 0,17 Prozent der Beschäftigten. Unter einem Big Bang stelle ich mir dann aber doch etwas anders vor. Der Deutschland-Chef von AlixPartners ist da zum Glück etwas zurückhaltender in seiner Kommunikation und Bewertung. Er spricht zwar von einem „Quantensprung“ – schränkt aber auf „für uns“ ein.
Vielleicht kann man auch von einem Big Bet, von einer großen Wette sprechen. AlixPartners sind ja bekannt für seine Sanierungs- und Turnaround-Expertise; Berylls hingegen für seine Automotive-Kompetenz. Jetzt kauft also ein 2.500 Personen starker Sanierungs-Spezialist einen Branchenexperten im Autoland Deutschland, oder mit anderen Worten: Kontakte und Zugang zu Entscheidern beim Kunden. Und dem Automotive-Sektor hierzulande wird ja ein Rückstand im Bereich E-Autos nachgesagt. Ich meine, hier kann man eine klare Zukunftserwartung herauslesen, die sich in einer Wette ausdrückt.
Und wenn dem so sein sollte: Wird die Wette Erfolg haben?
Das kommt auf die Zeitachse an: Retention-Perioden nach Übernahmen dauern oft drei bis vier Jahre. Wenn die großen Sanierungs-Deals in der Zeit kommen, dann ist es prima. Später gilt: Consultants sind „Walking Assets“!

Thomas Deelmann ist Professor für Management und Organisation an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung (HSPV) Nordrhein-Westfalen. Nach einer Verwaltungsausbildung und Wirtschaftsstudium arbeitet und forscht er seit über 20 Jahren als, für, mit und über Berater – in einem internationalen Beratungskonzern, als Beratungseinkäufer in einem DAX-Unternehmen, Projektleiter, Auftraggeber von Beratungen, Betroffener von Consulting-Projekten, Inhouse- und freier Consultant sowie in der Lehre und Forschung zur Unternehmens- und Verwaltungsberatung.


