Kolumne mit Prof. Dr. Thomas Deelmann: „Zweieinhalb Fragen zu…KI als Tool zum Schummeln im Bewerbungsprozess bei McKinsey, PwC & Co.“

In der Kolumne „Zweieinhalb Fragen zu…“ gibt der „Consulting-Professor“ Thomas Deelmann Einblicke zu aktuellen Themen oder generellen Trends im Beratungsmarkt. Zugespitzt und auf den Punkt.


Bewerber können sich mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz durch Online-Einstellungstests mogeln, das hat das Handelsblatt herausgefunden. ChatGPT soll McKinsey, PwC und andere überlistet haben. Ist das ein Grund zur Sorge?

Prof. Dr. Deelmann: Es klingt zunächst tatsächlich beunruhigend, wenn der Auswahlprozess in einem „People Business“ durch etwas Künstliches korrumpiert wird. Allerdings verlaufen die Auswahlverfahren ja in fast allen Fällen mehrstufig: Neben der Sichtung von Bewerbungsunterlagen gibt es zu Beginn des Verfahrens meist auch noch recht standardisierte Tests. Daran schließen sich Assessment-Center mit Rollenspielen etc. und typischerweise mehrere Interviews an – teilweise online, teilweise vor Ort.

Der zitierte Beitrag vom 29.01.2024 © Handelsblatt Media Group GmbH & Co. KG

Brainteaser, Fallstudien-Interviews und Gespräche sollen in den späteren Phasen die Denk- und Arbeitsweise, aber auch den „Personal Fit“ prüfen. Da kann ein sehr detailliertes Bild von den Bewerberinnen und Bewerbern entstehen.

Wie wichtig sind die Online-Tests denn? Welche Rolle nehmen sie ein?

Eine automatisierte Online-Komponente findet sich zu Beginn des Verfahrens. Die Tests sind dann im Kern auch nicht dafür gedacht, IT- oder KI-Kompetenzen zu erfassen. Bei der eingehenden Masse an Bewerbungen liegt hier schlicht und ergreifend ein großer Effizienzhebel vor. Und den nutzen die Beratungen. Das Magazin The Economist hat das einmal bei McKinsey recherchiert: Dort laufen für 8.000 ausgeschriebene Stellen 800.000 Bewerbungen ein. Hier kann ein Online-Test als Filter sehr gut funktionieren und das Leben der HR-Abteilung deutlich vereinfachen.

Aber wie immer gilt auch hier: Jedes System kann auch irgendwie umgangen werden, man kann sich damit arrangieren. Und der Einsatz von Künstlicher Intelligenz beziehungsweise von ChatGPT ist derzeit ein naheliegender Schritt von Bewerberinnen und Bewerber, um ihre individuellen Chancen zu verbessern.

Was sagen die Beratungen selbst dazu?

Bei McKinsey & BCG heißt es „Kein Kommentar“. Aber ich wette: Wenn die Beratungen mit den Tests und ihrer Aussagekraft unzufrieden sind, dann passen sie das schneller an, als wir „KI“ sagen können.


Prof. Dr. Thomas Deelmann © privat

Thomas Deelmann ist Professor für Management und Organisation an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung (HSPV) Nordrhein-Westfalen. Nach einer Verwaltungsausbildung und Wirtschaftsstudium arbeitet und forscht er seit über 20 Jahren als, für, mit und über Berater – in einem internationalen Beratungskonzern, als Beratungseinkäufer in einem DAX-Unternehmen, Projektleiter, Auftraggeber von Beratungen, Betroffener von Consulting-Projekten, Inhouse- und freier Consultant sowie in der Lehre und Forschung zur Unternehmens- und Verwaltungsberatung.

Kommentar verfassen