Von der Beratung zum KI-Start-up: Interview mit AskBrian-Gründer Pavol Sikula

CONSULTANT career lounge (CCL): Herr Sikula, Sie haben zusammen mit Matthias Ruppel im Jahr 2018 AskBrian gegründet, ein Chatbot, der insbesondere Unternehmensberater in der Arbeit unterstützen soll. Können Sie in drei Sätzen zusammenfassen, wozu „Brian“ fähig ist?

Pavol Sikula (PS): Danke, Herr Nerlich. Brian ist ein KI-basierter Assistent, welchem wir genau die Aufgaben beibringen, die kein Berater wirklich machen möchte. Dank 15 Jahren in der Managementberatung habe ich einige von denen erlebt. Brian konvertiert und übersetzt Unterlagen, stellt Slide Graphics zur Verfügung, besorgt Bechmarks zu Industrien… und aktuell lernt er, Unternehmensanalysen zu erstellen. Er kommuniziert dabei über Email, wie ein normaler Mensch.

Die beiden AskBrian-Gründer: Pavol Sikula (links) und Matthias Ruppel

CCL: Was war die Initialzündung zur Entwicklung von AskBrian? Gab es einen „Heureka-Moment“?

PS: Es gab tatsächlich den einen Moment! Die Initialzündung war, als wir eine sehr gute Case Study für ein Angebot am späteren Abend bekommen haben – jedoch in der falschen Sprache. Angebotsabgabe am nächsten Tag, noch einige inhaltliche Baustellen…keiner hatte Zeit und Lust, die Slides zu übersetzen…zugleich ist die KI-Übersetzung immer besser geworden. Die Idee: unliebsame aber wichtige Aufgaben, für deren Erledigung man auch nie wirklich gefeiert wird, end-to-end unter dem Einsatz der bestmöglichen Technologien und Daten zu automatisieren. Dies war die Geburtstunde von Brian.

CCL: Sie waren über 14 Jahre als Berater bei der Managementberatung Stern Stewart tätig. Hatten Sie nicht auch Vorbehalte, die sichere und gut dotierte Position gegen das finanziell riskantere Unternehmertum einzutauschen?

PS: Dank dem Start-up-Programm von Stern Stewart konnte ich parallel zu meinem Beraterdasein die Idee vorantreiben, mit unserem CTO die technische Machbarkeit validieren und mit dem ersten Brian Nutzerfeedback einsammeln – und zwar direkt von meinen Kollegen! All das hat unheimlich gut funktioniert – inklusive Brian‘s Forbes-Artikel, sich abzeichnendem Investorenappetit und Geschäftspartner-Interesse, mit uns zusammenzuarbeiten. Ende 2019 war es dann so weit: richtig oder gar nicht!? Auf über 70% des Gehalts zu verzichten, ist nicht ganz einfach – ich bin verheiratet [lächelt]. Aber ich hatte das Gefühl, ich muss es einfach machen, jetzt oder nie.

CCL: Wie hatten Sie sich selbst den Sprung in die Firmengründung vorgestellt und wie war es wirklich?

PS: Man kennt viele Gründungsgeschichten und stellt sich das unglaublich „cool“ vor: man hat ein eigenes ‚Baby‘, man gestaltet, man treibt dieses voran, man ist sein eigener Chef, man begeht Neuland… all das so aufregend! Ist es auch, aber es ist auch so unfassbar anstrengend und die Herausforderungen so extrem breit und schier unendlich. Ich habe nie zuvor mehr gearbeitet und nie schlechter geschlafen als jetzt. Wenn es dann Wochen gibt, wo es an mehreren Fronten zwei Schritte nach vorne und drei Schritte zurück geht… da freue ich mich über mein leidensfähiges Ironman-Naturell und dass ich so von der Idee besessen bin.

CCL: Gäbe es heute Dinge, die Sie rückblickend anders angehen würden? Haben Sie einen Rat für Berater, die Ähnliches planen wie Sie?

PS: Ich glaube, wir Berater sind ziemlich beratungsresistent. Wir glauben immer, alles doch ein wenig besser zu wissen als andere … daher ist es wohl egal, was ich antworte…[lächelt]…Deswegen: Offen für den Rat anderer sein!

CCL: Wieder zurück zu AskBrian: Wie „intelligent“ ist der Algorithmus heute?

PS: Ohne KI würde es Brian nicht geben. Jede Nutzernachricht wird mit KI analysiert, um herauszufinden, was der Nutzer eigentlich will. Was soll mit dem Dokument passieren, welche Icons werden zu welchen Begriffen gesucht, welche KPIs zu welcher Branche benötigt… öfters mit Typos und recht unüblichen Formulierungen… mit klassischer IT unvorstellbar. Zusätzlich kommt KI bei den einzelnen Skills zum Einsatz – bei der Übersetzung, bei OCR, bei der Transcription von Audio zu Text. Wir bauen mit KI-Bausteinen eine Software, die mehr wie ein Mensch ist: schafft unglaublichere Sachen, macht aber mal auch Fehler… man kennt es auch von Siri und Alexa. Bei uns gibt es aber eine höhere Trefferquote, weil wir spezifische Use Cases haben und mit geschriebener Sprache arbeiten.

CCL: Und wie sehen Sie die technische Entwicklung in der Zukunft?

PS: Dank der Demokratisierung von KI erwarte ich eine Explosion von KI-basierten Tools für so gut wie jedes Thema – die Analogie mit der kambrionischen Explosion bei der Evolution ist meiner Meinung nach ziemlich treffend. Ich gehe fest davon aus, dass die Lösungsvielfalt extrem zunehmen wird und damit auch die Komplexität unserer Welt. Was ist ein Fake, was nur Marketing, welche Lösungen gibt es wirklich, kann ich dieser trauen, wie kann ich die nutzen? Als Berater hat man früher von den Tools her nur Powerpoint, Excel und vielleicht den Bloomberg Terminal bedienen müssen. Heute sind es deutlich mehr, Tendenz steigend. Mit Brian reduzieren wir diese Komplexität. Ein Assistent, welcher mehrere Tools in einem vereint, und zwar so, dass es kaum einfacher geht.

CCL: Können Sie verraten, welche Beratungen AskBrian bisher schon im Einsatz haben?

PS: Den ersten Kunden habe ich bereits verraten. In letztem Monat hat Brian Anfragen von 63 Emaildomains beantwortet – von ganz groß bis ganz klein. Die meisten davon sind Managementberatungen, Inhouse Consultancies und studentische Berater. Wir freuen uns auch sehr über die Letzteren: Beratungstalente aus 14 studentischen Beratungen gestalten den digitalen Berater von morgen mit.

CCL: Ganz allgemein gesprochen, welches Potenzial sehen Sie für den Einsatz künstlicher Intelligenz in der Unternehmensberatung? Werden wir bald bedeutend mehr KI-Gründungen mit Consulting-Fokus sehen?

PS: Wie bereits geschildert, gehe ich in den nächsten Jahren von einer KI-Tool-Explosion aus. Viele davon werden auch Eingang in die Beratungsbranche finden – entweder als „internes Tool“ aber auch als Softwarelösungen, welche für die Mandanten hochrelevant sein werden. Ich glaube, dass es für die Berater wie auch für die Kunden immer schwieriger sein wird, da den Überblick zu behalten.

CCL: Herzlichen Dank für das offene Gespräch. Ihnen und Brian weiterhin viel Erfolg.

PS: Herr Nerlich, es hat mich sehr gefreut.

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